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Interview mit Patricia Begle, Österreich

Mystik „to go“. Übersetzen der alten mystischen Prozesse in heutige Lebensverhältnisse,

Denkformen und Sprache

 

 

Mit „Mystik“ verbinden wir Begriffe wie „Versenkung“ und „Erleuchtung“ - jedenfalls viel Zeit und Stille. Wie passt da der Zusatz „to go“ dazu?

Sabine Bobert: Ich möchte den Menschen, die arbeiten und keine Zeit für langes Sitzen haben, etwas anbieten. Schon Ignatius hat das Stundengebet kleingeschrumpft. So habe ich - gemeinsam mit Seminarteilnehmern - Übungen entwickelt - härteste, beste, kleinste Übungen sozusagen. Sie sind schnellstmögliche Abkürzungen.

 

Und wie sehen diese Übungen konkret aus?

Bobert: Sie umfassen drei Bereiche: denken, fühlen und wollen. Beim Denken geht es darum, aus den vielen Gedanken, aus dem mentalen Rausch im Kopf herauszusteigen. Die Tradition kennt dafür das Jesus-Gebet, das Non-Stop gebetet wurde. „Jesus Christus“ ist eine Möglichkeit dafür, „Mein Wesen ist Liebe“ eine andere. Es sollte ein Wort sein, das in unser Wesen hineinführt. Ich empfehle meinen Seminarteilnehmern, es erst mal in der Zeit vor dem Einschlafen zu wiederholen, später dann auch untertags. Die Mantratechnik ist etwas vom Besten, das wir haben, alle Mystiker haben damit gearbeitet.

 

Welche Übung gibt es für die Gefühle, fürs Herz?

Bobert: Unser wahres Wesen ist glasklarer Geist, strahlende Liebe, Mitgefühl... aber wir sind erstarrt und gefangen in Angst, Schmerz oder Wut. Es geht also darum, wie wir uns davon befreien. In meiner Übung fordere ich die Menschen auf, sich eine Lieblingstätigkeit vorzustellen - also stricken oder reiten... und sich das Körpergefühl bei dieser Tätigkeit zu vergegenwärtigen, also da richtig einzutauchen. Dieses Gefühl wird dann direkt ins Herz geschickt. So lernen die Menschen, dass sie Gefühle auch steuern können und sie erleben, wie sich ein normales Leben anfühlt. Mystik macht uns normal und gesund.

 

Woher kommt denn dieses Gefangensein in Angst und Schmerz?

Bobert: Wir Menschen sind Verbundwesen, wir nehmen Gefühlswelten auf und passen uns an. Wir leben in einer Kultur, die seit Jahrtausenden auf Gewalt setzt statt auf Einfühlung, wir leben in einer primitiven Wildwestwelt, so als ob Leben nur Überlebenskampf wäre. Die Gefühlswelt ist geprägt von Angst, Feinbildern und Bedrohungen, die Menschen sind verfinstert. Jesus hat uns zu einer Kultur der Liebe eingeladen, die ist spielerisch, kreativ, einfühlsam - aber das funktioniert in einer Überlebenskampf-Kultur nicht. Mönchtum ist deshalb immer auch ein Kampf - nämlich jener, nicht mit der Masse mitzuschwimmen. Denn es ist nicht gut, sich dieser Überlebenskampf-Kultur anzupassen.

 

Wie kommen wir aus dieser Gefühlswelt wieder heraus?

Bobert: Indem wir zum Beispiel unsere unmittelbare Umgebung wahrnehmen - die Nachbarin, den Apfelbaum, die Katze. Da ist doch vieles schön. Wenn ich diesem Schönen meine Aufmerksamkeit schenke, dann verstärke ich es. Im Grunde geht es immer um Aufmerksamkeit: die Wirklichkeit ist wie eine zähe Masse, die wir durch Aufmerksamkeit in eine Form bringen. Bewusstsein erzeugt Realität.

 

Wie sieht es mit dem dritten Bereich, dem Wollen aus?

Bobert: Auch der Wille muss befreit werden. Wir sind mit Lob und Tadel groß geworden, mit ständigen Bewertungen. Wir mussten für unsere Eltern etwas leisten oder ihr „Sonnenschein“ sein. In der Schule wurden wir für Dinge gelobt, die wir nicht mochten. Wir haben gelernt, „so wie du bist, bist du falsch.“ Das erzeugt Zerrissenheit.

Menschen müssen sich fast willenlos in Hierarchien fügen. Sie wissen, wann sie aus der Sicht anderer gut oder schlecht sind, aber sie wissen nicht, was sie fühlen oder brauchen.

 

Welche Übung kann davon befreien?

Bobert: Wieder geht es um eine Lieblingshandlung - Chorsingen oder Radfahren zum Beispiel. Das machen wir ja nicht, um einer Autorität zu gefallen, das ist freies selbstbestimmtes Handeln. Ich empfehle jede volle Stunde eine Minihandlung, die mit eben dieser Lieblingsbeschäftigung verbindet. Das kann eine Fußbewegung ein, etwas, das mich das Körpergefühl nachempfinden lässt. Ich spüre dabei: so fühlt sich Selbstbestimmung an. Und: mein Körper gehört mir.

 

Wie haben sich diese Mini-Übungen auf die Teilnehmenden ausgewirkt?

Bobert: Schon nach einem halben Jahr zeigen sich erstaunliche Wirkungen. Die Menschen werden so schnell klar im Kopf. Sie ahnen, wie viel Kraft sie in Äußerlichkeiten reingelegt haben.

Welche Chancen sehen Sie in der Mystik für die Zukunft der Kirche?

Bobert: Das Christentum hat seine Zukunft noch vor sich. Allerdings steckt noch so viel Mittelalter im Christentum - von Gott wird sogar noch Lob und Tadel erwartet, dabei ist er „Ich bin“ - das volle Leben. Wir müssen das alles rausschmeißen - das haben Mystiker immer gemacht. Mystik brachte immer radikale Erneuerung. Das alte mechanistische Weltbild muss dringend ausgewechselt werden. Schließlich ist alles da, nur wir sind verstreut. Wir tapsen im Paradies rum und es fühlt sich höllisch an. Aber wir sind da, um glücklich zu sein.

 

Und wie hat die Mystik Ihr Leben verändert?

Bobert: Ich wollte wissen, was an dem alten Mönchstum dran ist, wie und warum es funktioniert. Dazu habe ich vieles selbst ausprobiert. Mittlerweile ist mein Lebensstil sehr minimalistisch. Denn jedes Ding zieht Aufmerksamkeit an sich - das ist wie Multitasking - und das zieht Kraft ab. Meine Ernährung sieht anders aus und seit zwei Jahren gehe ich barfuß. «