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Du findest den Himmel überall

Aktualisiert: 10. Mai 2021




Schweigen und Meditation als Weg zu Einheitserfahrungen


„Halt an, wo läufst Du hin? Der Himmel ist in Dir. Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.“ Der Theologe, Arzt und Mystiker Angelus Silesius (1624-1677) greift für diesen Aphorismus auf eine Aussage Jesu zurück: „Man wird nicht sagen: Siehe hier oder da ist es! Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch (entos hymon)“ (Lk 17,20f).


Wie werden wir dieser Tatsachen inne? So dass wir nicht nur darüber wissen, sondern sie selbst erfahren können? Die Antwort der christlichen Mystik ist, die Blickrichtung zu wechseln: von der Außenperspektive zur Innenperspektive. Hauptthese ist im Folgenden, dass die mystische Unioerfahrung jedem Menschen offensteht, da jeder Mensch zu seiner Wesensentfaltung auf sie hin angelegt ist. Und dass Schweigen und Meditation diese Kernerfahrung stark begünstigen.


Der indische Jesuit Sebastian Painadath macht darauf aufmerksam, dass das mystische Einheitserlebnis mit der Selbstrücknahme des im Alltag ständig nach Außen projizierenden Geistes einhergeht.[1] Die verbale Gebetssprache, die kirchlich vertraut ist, ist stark von Projektionen im psychoanalytischen Sinne geprägt. Sie vermag den Willen, das Herz und den Kopf in die Richtung von Gottes Gegenwärtigsein zu leiten. Aus der Sicht der Mystik müssen aber schließlich auch diese Projektionen als selbst erschaffen ins Bewusstsein gehoben und aufgehoben werden. Sonst werden sie zu einem Hindernis für genau die Erfahrung, zu der sie erschaffen wurden.


Das Erkennen und Aufheben der Projektionen mündet in der Wahrnehmung, dass der vereinigte Zustand schon immer bestanden hat und nur durch die Projektionen und eigenen Geistes- und Seelenbewegungen in der Wahrnehmung verstellt wurde.


Die Seele braucht zunächst Bilder, um Menschen zu bewegen, Gott zu suchen. Der Geist wird mit höherer Klarheit jedoch zum Bilderstürmer, wie es Meister Eckart beschreibt: „Scheidet ab die bildhafte Erscheinung und vereinigt euch mit dem formlosen Sein“[2]. „Willst du Gott göttlich wissen, so muss dein Wissen in reines Unwissen und zum Vergessen deiner selbst und aller Geschöpfe gelangen“[3]. „Leer sein aller Kreatur ist Gottes voll sein, und voll sein aller Kreatur ist Gottes leer sein“[4]. Dieser Arbeitsschritt des Beobachtens des Erschaffens von Projektionen und ihre Auflösung ist daher der wichtigste auf dem Weg zur Vereinigungserfahrung. Er geschieht vor allem in Stille und Meditation.


Auf der projizierenden Ebene des alltäglichen Verstandes (aus der Sicht der Meditationsforschung eine Weltwahrnehmung im Beta-Band von etwa 14 bis 30 Hertz mit unkohärentem EEG-Muster zwischen rechter und linker Hemisphäre)[5] erscheint die äußere Welt als von der inneren Welt getrennt. Es ist die Welt der Subjekt-Objekt- und der Ich-Du/Es-Beziehungen. „Der Verstand kann etwas nur begreifen oder fühlen, insofern es vergegenständlicht wird. Alles, was in und um uns vorhanden ist, wird vom Verstand verobjektiviert, zum Du oder zum Es.“[6] Nach dem gleichen Muster geht der Alltagsverstand auch mit Gott um: „Gott wird zum Du im religiösen Bewusstsein. In der religiösen Praxis wird Gott zum Objekt des theologischen Denkens und zur Gestalt der hierarchischen Repräsentation.“[7] Mittel zur verstandesaffinen Vergegenständlichung Gottes sind Namen, Formen, Bilder, Vorstellungen, die zum jeweiligen gesellschaftlichen Kontext passen. Ebenso wird Christus vergegenständlicht. „Christus kommt da gewissermaßen von außen auf uns zu.“[8] Er wird zu einem „Kultgegenstand“, einem „Denkgegenstand“, zu einer „Herren-Gestalt“ „objektiviert und fast politisiert“.[9]


Zur Überwindung des objektivierenden Umgangs mit Christus und zur Christuserfahrung im Sinne der Mystik – der Erfahrung des einai en Christo (in Christus-Seins) - bedarf es einer Schulung des Bewusstseins durch meditative Praktiken. Im Folgenden zeige ich auf, (1) inwiefern noch Luther in der Tradition klösterlicher Meditationspraxis stand und wie er mit seinem tentatio-Verständnis neue Akzente auf dem Meditationsweg setzte. Ferner gehe ich auf Bonhoeffers Weiterentwicklung des tentatio-Konzeptes ein. (2) Anschließend erörtere ich unter Rückgriff auf Abraham Maslows Konzept von „peak experiences“ und Bonhoeffers Verständnis eines „religionslosen Christentums“ Ziele der menschlichen Wesensentfaltung. „Peak experiences“ sind alltägliche Einheitserfahrungen in oft religionsloser Gestalt. (3) Im dritten Hauptteil erörtere ich die Praktiken von Schweigen und Meditation als Einüben von Grundhaltungen zur Öffnung für „peak experiences“ bzw. alltägliche contemplatio-Erfahrungen – im Rahmen eines Christentums, das die Anfechtung durch den bildlosen Gott integriert hat.


1. Luthers Meditationsverständnis


Martin Luther lebte noch in der frühchristlichen und mittelalterlichen Meditationstradition. Diese wurde von Guigo II dem Kartäuserprior der Großen Kartause (vor 1174-1193) mit folgenden vier Elementen zusammengefasst: lectio, meditatio, oratio, contemplatio. Er nannte sie scala claustralium, Stufenleiter zur Gottesschau. „Est autem sedula Scripturam cum animi intentione inspectio. Meditatio est studiosa mentis action, occultae veritatis notitiam ductu propriae rationis investigans. Oratio est devote cordis intentione in Deum pro malis amovendis et bonis adipiscendis. Contemplatio est mentis in Deum suspension elevation, aeternae dulcedinis gaudia degustans.”[10]


Im Folgenden knüpfe ich für ein neu zu gewinnendes Verständnis von Schweigen und Meditation bei Luther an und aktualisiere sein Meditationsverständnis durch Dietrich Bonhoeffers Konzept von tentatio und religionslosem Christentum sowie aus pastoralpsychologischer Perspektive.[11] Luther griff für sein Meditationsverständnis auf Guigos Schema zurück und formte es aufgrund seiner spirituellen Erfahrungen um. Für Luther bleibt Meditieren weiterhin ein wichtiger Zugang zum biblischen Wort und zur Gotteserfahrung. In seiner Vorrede zum 1. Band der Wittenberger Ausgabe seiner deutschen Schriften von 1539 spricht er über die rechte Weise des Umgangs mit dem biblischen Wort. Das Wort Gottes und die Gotteserfahrung erschließen sich nach Luther in „Oratio, Meditatio, Tentatio“.[12] Vergleicht man Luthers Aufgreifen der christlichen Meditationstradition mit Guigos Formel, so fällt als neue Akzentsetzung auf: Luther ersetzt die höchste Meditationsstufe, die contemplatio, durch die tentatio, die Erfahrung der Anfechtung.[13] „Contemplatio… bezeichnete als einer unter mehreren möglichen Begriffen den Höhepunkt der geistlichen Übung, die cognitio experimentalis de Deo.“[14] Luther sieht also in der Anfechtung den Hauptweg der Gotteserfahrung. Der Religionswissenschaftler Karl Baier konstatiert bereits für Luthers Vorlesung zu Psalm1 von 1516 das Fehlen der klassischen Kontemplationsterminologie: „Obwohl Luther victorinischer Meditationstheorie verpflichtet ist, fehlt in der Vorlesung zu Ps 1 jeder Hinweis auf contemplatio und raptus.“ [15] An die Stelle der ekstatischen Liebesvereinigung mit Gott, die Guigo II. beschreibt, tritt eine alltäglichere „kleine Mystik“ im Sinne eines inspirierten Empfangens geistgewirkter Einsichten.


Ein weiteres Charakteristikum von Luthers Meditationsverständnis ist die unbedingte Wortbezogenheit: „Der traditionelle Höhepunkt der Meditation, ihr Übergang in eine nicht mehr diskursiv vermittelte Gotteserfahrung, wird… an die Lesung und Auslegung der Bibel zurückgebunden.“[16]


Bei dieser neuen Akzentsetzung spielten Luthers existentielle Erfahrungen, die er zugleich exemplarisch für seine Epoche durchlebte, eine wichtige Rolle: Der übende Aufstieg zur kontemplativen Erfahrung, wie ihn noch Gerson und Tauler beispielsweise beschrieben, funktionierte in Luthers Leben nicht mehr, obgleich er sich nach einer kontemplativen unio-Erfahrung sehnte und an die kontemplative Tradition mit seiner Formel und oft auch in mystischer Begrifflichkeit anknüpfte.[17]


Luther erlebte Gott in den vielfältigen Anfechtungserfahrungen. „Zum dritten ist da Tentatio, anfechtung. Die ist der Prüfestein, die leret dich nicht allein wissen und verstehen, sondern auch erfahren, wie recht, wie warhafftig, wie süsse, wie lieblich, wie mechtig, wie tröstlich Gottes wort sey, weisheit uber alle weisheit.“[18] Nicol: „Das ist für Luther religiöse Erfahrung – Erfahrung sozusagen sub contrario.“

Diese neue Akzentsetzung auf dem kontemplativen Weg spielt aus heutiger pastoralpsychologischer Sicht eine wichtige Rolle. Luther verschiebt „den Akzent in pastoralpsychologischer Sicht von Verschmelzung, Fusion und besitzender securitas auf eine bleibende Differenz, eine Gewißheit in einer Beziehung, die anfechtbar bleibt und geschichtlich für Veränderungen offen ist. Frömmigkeit unter dem Zeichen der tentatio ist ein Prozeß des Abschiednehmens vom nur nahen Gott und führt in ein Teilen der Anfechtung Christi.“[19]


Damit wird zugleich deutlich, wieso Luther die Anfechtung, die doch als äußeres Widerfahrnis erscheint, als geistliche Übung, als exercitium, versteht.[20] „Während im Mittelalter caro, mundus und diabolos als die drei Urheber von tentatio galten, erkannten Luther und Melanchthon den Teufel, am tiefsten jedoch Gott selbst als Urheber der Anfechtung. Die ernsteste Anfechtung sah Luther in der Erfahrung der Gottverlassenheit.“[21] Luther: „Denn von Gott verlassen sein, das ist viel erger denn der Tod. Die ein wenig davon versucht und erfaren haben, die moegen etwas nachdencken. Aber sichere, rohe, unversuchte und unerfarne Leute wissen und verstehen nichts davon.“[22]


Aus pastoralpsychologischer Sicht bildet die Nähe, die Beziehung die Grundlage für Differenzerfahrungen. Der unsere Gottesprojektionen durchkreuzende Gott ist das Subjekt von Anfechtungen. Die Anfechtung bezieht nicht nur den Glaubensgegenstand mit ein (theologische Dimension), sondern erschüttert auch das glaubende Selbst (anthropologische Dimension). Da die Anfechtung in der Erfahrung der Andersartigkeit und Bildlosigkeit und gedanklichen Transzendenz Gottes wurzelt, ist sie nicht methodisierbar. Sie lässt sich auf dem kontemplativen Weg nicht beseitigen, sondern nur jeweils verarbeiten – in einer ständigen Revision und schließlich Relativierung unserer Gottesbilder und Rollenerwartungen an Gott. In der anthropologischen Dimension zersprengt die Anfechtung auch die bisherigen Identitätsvorstellungen, Beziehungsprojektionen, Ideale und Gedankenkonstruktionen (einschließlich Weltbilder) des Menschen.


In der Spiritualität von Dietrich Bonhoeffer, die stark von Luthers Spiritualität geprägt ist,[23] spielt dieser Aspekt der tentatio gleichfalls eine pointierte Rolle. „Lectio, meditatio, oratio und temptatio: Dieser Zirkel im Leben des Pfarrers darf nicht aufhören. Das war etwas, was im Mittelalter richtig war.“[24] Darüber hinaus wollte Bonhoeffer mit diesem Zirkel die Frömmigkeit jedes Christen umreißen.


Christologisch formuliert Bonhoeffer das spirituelle Faktum der Anfechtung im Leitbegriff des „Geheimnisses“. Bereits Anfang der 1930er Jahre, 1931, sprach Bonhoeffer vom „wahnwitzige(n) dauernde(n) Zurückgeworfensein auf den unsichtbaren Gott“.[25] „Geheimnis heißt … nicht einfach, etwas nicht zu wissen. Nicht der fernste Stern ist das größte Geheimnis, sondern im Gegenteil, je näher uns etwas kommt, je besser wir etwas wissen, desto geheimnisvoller wird es uns. Nicht der fernste Mensch ist uns das größte Geheimnnis, sondern grade der nächste.“[26] In der Christologie-Vorlesung von 1933 bündelt Bonhoeffer seine Überlegungen zum Zerschlagen von Projektionen in der Selbstoffenbarung der Andersartigkeit des Anderen (sei es Gott oder Mensch), indem er Luthers Gedanken von der Offenbarung „sub contrario“ und von der Gottheit im Inkognito aufgreift. Die „Verhüllung“ wird „um so dichter werden, je näher die Offenbarung ist“[27] Diese schon früh erarbeiteten Kernaussagen spitzt Bonhoeffer in seinen Gefängnisbriefen zu. Dort formuliert er die Projektions-sprengende Kraft vom Nahekommen des lebendigen Gottes in paradoxen Aussagen. „Der Gott, der mit uns ist, ist der Gott, der uns verlässt (Mk 15,34)! Der Gott, der uns in der Welt leben läßt ohne die Arbeitshypothese Gott, ist der Gott, vor dem wir dauernd stehen. Vor und mit Gott leben wir ohne Gott. Gott läßt sich aus der Welt herausdrängen ans Kreuz, Gott ist ohnmächtig und schwach in der Welt und gerade und nur so ist er bei uns und hilft uns“.[28]


Gott lässt und bildlos werden. Er tötet den Bildergott der Phantasienwelt und der Gottesverwalter. Er führt dadurch in das Leben. Wir erstehen erst auf, wenn wir mit einem von Projektionen und Phantasien befreiten, klar gewordenen Geist Gottes Gegenwart Gegenwart im Hier und Jetzt schauen. Dann erkennen wir rückblickend: Es waren nur unsere Phantasien, unsere irrigen Gottes- und Selbstbilder, die uns von der Erfahrung der ständigen Gegenwart Gottes trennten.


In der Radikalisierung der Anfechtung gehen die bildlose Mystik, Luther und Bonhoeffer konform: An der lebendigen Gottesbegegnung müssen unsere Gottesbilder, Selbstbilder, Weltbilder zerschellen. Der Wüsteneinsiedler und Lehrer Evagrius Ponticus (4. Jh.) lehrte seine Schüler: „Stelle dir die Gottheit nicht als Bild vor. Halte deinen Geist überhaupt frei von jeglicher Form.“[29] Sein Schüler Johannes Cassian sah im Bild-bezogenen Beten eine „große Gotteslästerung und Schädigung des katholischen Glaubens“ und die „schlimmste Irrlehre“.[30] Erst ein Durchlaufen dieses Prozesses, der sich wie seelisches und mentales Sterben anfühlt (vgl. Johannes vom Kreuz über die dunkle Nacht der Sinne und die dunkle Nacht der Seele[31]) führt zu einer seelischen und geistigen Auferstehung im Hier und Jetzt, zu einem klaren Geist, der weitgehend frei geworden ist von tagträumenden und projizierenden Filtern.


Im Unterschied zu Luther und Bonhoeffer verharre ich jedoch nicht in der Antithese zur Scala Claustralium Guigos II. Beide evangelischen Theologen ersetzten lediglich die Zielstufe der seligen Schau bzw. der Einheitserfahrung (contemplatio) durch den Hinweis auf die Notwendigkeit des Erlebens von Anfechtung (tentatio). Aus pastoralpsychologischer Sicht ist dieser Entwicklungsschritt wichtig, aus der symbiotischen Einheit und Übereinstimmung herauszufallen (quasi aus dem „Paradies“), sich abzugrenzen und ein starkes Ich im Gegenüber zu einem projizierten Du oder auch realen Du zu entfalten („Sünde“, Absonderung, Trennung bis hin zur Erfahrung von „Hölle“). Die Dualität der Ich-Du-Beziehung bzw. der Subjekt-Objekt-Spaltung wird dann durch Phantasien, Rollenzuweisungen und Bilder überbrückt (den projizierenden, phantasierenden Zustand). Das getrennte Ich ist jedoch dazu bestimmt, im nun scheinbar extern gegenüberstehenden „Gott“ die eigene, ihm fremd gewordene Natur wiederzuerkennen und sich mit ihr zu vereinigen. Diese Vereinigung geschieht nach der Stufe der Ichwerdung nicht mehr als Unterwerfung des Ich unter die Fremdbestimmung eines Gottes. Dies würde zur symbiotischen Zerstörung des Ich führen. Sondern unio wird nun erlebt als ein Eintauchen in ein Netzwerk der Liebe, um das höchste Potenzial des Ich zu entfalten („Super-Personalisation“). Diese nun dem Ich offenstehende Entwicklungsstufe verdeutliche ich, indem ich untere Aspekte der contemplatio-Stufe in zeitgenössischer Sprache als „peak experiences“ erläutere.


2. Spiritualität als Wesensentfaltung des Menschen: peak experiences als alltägliche contemplatio-Erfahrungen


Ein Ziel des Menschen ist aus der Sicht christlicher Mystik, Gottes Gegenwart in allen Dingen und Prozessen auf Erden wahrzunehmen. Letztlich geht es um die Überwindung dualer Projektionen von der Gestalt, dass Gott irgendwo in der Ferne im Außen sei und der Mensch gottverlassen sein Leben lebt. Im Einheitserleben erfährt der Mensch, dass Gott ihm schon immer näher war als er sich selbst. Die Einheitserfahrung führt den Menschen zu seiner Wesenserkenntnis und Wesensentfaltung. Nimmt evangelische Spiritualität dies ernst, so dient sie dem Menschen bei seiner Wesensentfaltung und kann zu Bildungsprozessen und zur Weiterentwicklung sozialer Systeme einen grundlegenden Beitrag leisten.


Der US-amerikanische Psychologe und Gründervater der Positiven Psychologie Abraham Maslow (1908-1970) versteht den Menschen von seiner biologischen Natur her auf mystische Gipfelerfahrungen zur vollen Gesundheit und Wesensentfaltung hin angelegt. „Der Mensch besitzt eine höhere und transzendente Natur, und sie ist Teil seines Wesens, d.h. seiner biologischen Natur als Mitglied einer Gattung, die der Evolution entsprungen ist.“[32]


Nach Maslows Forschung handelt es sich bei mystischen Gipfelerfahrungen um menschliche Wesenserfahrungen. Sie stehen jedem Menschen offen, und jeder benötigt sie zu seiner vollen Gesundheit und Wesensentfaltung. „Sie beschränken sich nicht auf randständige Menschen, d.h. Mönche, Heilige oder Yogis, Zen-Buddhisten, Orientalen oder Menschen in einem besonderen Stand der Gnade. Gipfelerlebnisse sind nicht etwas, das im Fernen Osten vorkommt, an besonderen Orten oder einem speziell geschulten oder auserwählten Volk. Es findet statt in der Mitte des Lebens, widerfährt alltäglichen Menschen in alltäglichen Berufen.“[33]


Der Zugang zu solchen Gipfelerfahrungen ist nicht an spirituelle Übungen – wie Stille und Meditation – gebunden. Sie widerfahren – unter bestimmten Bedingungen - Menschen mitten im Alltag. „Der Himmel ist überall um uns herum, steht im Prinzip immer zur Verfügung, bereit, für in ein paar Minuten betreten zu werden. Er ist überall – in der Küche, bei der Arbeit oder auf einem Basketballplatz – überall dort, wo Vollkommenheit passieren kann, wo Mittel zum Zweck werden oder wo ein Job richtig gut gemacht wurde. Das Leben allseitiger Verbundenheit ist leichter erreichbar, als jemals erträumt“.[34]


Ein „religionsloses Christentum“ im Sinne Bonhoeffers, das sich in Anfechtungen Gottesbilder zerstören lässt und das auf Gott als außerweltliche Projektion verzichtet, kann Gottes Fülle – den „Himmel“ – in der Küche, beim Sport, in Liebesbegegnungen, in stimmigen Beziehungen erleben. Nicht mehr die Randbereiche des Lebens (mit Bonhoeffer: „Gott als Lückenbüßer“) sind auf dieser projektionsfreien Ich-Stufe für das Gotteserleben konstitutiv. Gott begegnet in alltäglichen Verrichtungen.


Maslow: „Die zweite große Lektion, die ich gelernt habe, lautete, dass dies eine natürliche, keine übernatürliche Erfahrung war, und ich gab die Bezeichnung ´mystische Erfahrungen´ auf und nannte sie ´Gipfelerlebnisse´. Sie können wissenschaftlich untersucht werden. … Sie befinden sich innerhalb der Reichweite des ml Wissens, sind keine ewigen Geheimnisse. Sie befinden sich in der Welt, nicht außerhalb der Welt. Nicht bloß Priester machen sie, sondern die ganze Menschheit. Sie stellen nicht länger Gegenstände des Glaubens dar, sondern öffnen sich der menschlichen Erforschung und des menschlichen Wissens.“[35]


Ich verstehe Maslows Beschreibungen von contemplatio- bzw. Einheitserfahrungen – peak experiences – mitten im Alltag als positive Weiterführung dessen, was Bonhoeffer mit seiner These vom „religionslosen Christentum“ anstrebte. Ohne die Arbeitshypothese bzw. Projektion eines transzendenten, überweltlichen Gottes erleben Menschen sich mitten in alltäglichen Handlungen mit Gott als Fülle des Lebens verbunden. Nichtmystiker, Nicht-Christen beschreiben dabei ihre Erlebnisse mit nahezu den gleichen Worten und Merkmalen, wie dies einst kirchliche Mystikerinnen und Mystiker taten. Maslow: „Ich kann nicht sagen, dass sie identisch miteinander sind – das sind sie nicht. Aber sie sind viel näher daran, identisch zu sein, als ich mir jemals habe träumen lassen. Er war erstaunlich für mich zu hören, wie eine Mutter ihre ekstatischen Gefühle während der Geburt ihres Kindes beschreibt und dabei zum Teil die gleichen Worte und Sätze verwendet, die ich in den Schriften der heiligen Theresa von Avila oder Meister Eckhardt gelesen hatte, oder in japanischen oder hinduistischen Beschreibungen der Erfahrungen von ´satori´ oder ´samadhi´. (Aldous Huxley macht den gleichen Punkt in ´Die ewige Philosophie´.)“[36]


Die Wichtigkeit von Gipfelerfahrungen für die persönliche Entwicklung wird in Maslows Merkmalsbeschreibungen deutlich. Maslow stellt heraus, dass Gipfelerfahrungen die Weltanschauungen und den Charakter eines Menschen ändern können. „Eine klare Wahrnehmung ... zu haben, dass das Universum aus einem Stück sei und dass man seinen Platz in ihm habe – man sei Teil von ihm, gehöre ihm an - , kann eine so tiefe und erschütternde Erfahrung sein, dass die den Charakter und die Weltanschauung der betreffenden Person für immer ändert.“[37]


  • Maslow spricht sogar davon, dass ein Gipfelerlebnis ein Besuch im Himmel sei. „Ich liebe die Metapher für das Gipfelerlebnis, dass es ein Besuch in einem persönlich definierten Himmel sei, von dem jemand auf die Erde zurückkehre. … dass er zu jeder Zeit für alle von uns um uns herum existiere, man ihn jederzeit wenigstens für eine kleine Weile betreten könne.“[38]


  • Ein Gipfelerlebnis geht mit einer veränderten Wahrnehmung einher (bzw. durch sie ermöglicht!). „Es ist die wahrste und totalste Art der visuellen Wahrnehmung oder des Hörens oder des Fühlens. Teils rührt es von einer besonderen Veränderung in der Haltung, die sich am besten beschreiben lässt als eine nicht prüfende, nicht vergleichende, nicht wertende Erkenntnis. Das soll sagen, Figur und Grund werden nicht scharf geschieden, etwa gibt es eine Tendenz, dass Dinge gleich wichtig werden anstatt sie in eine Rangfolge von wichtig bis unwichtig zu bringen.“ Beispielsweise betrachtet die Mutter“ ihr Neugeborenes: jedes Detail bezaubert sie. Sie lebt eine „Art totaler, nicht vergleichender Akzeptanz“.[39]


  • Sie setzen einen objektiveren Blick voraus. Man bezieht das Erlebte nicht auf eigene Sorgen oder Bedürfnisse sondern ist eher bedürfnislos und objektiv. „Normalerweise nehmen wir alles in Bezug auf menschliche Sorgen wahr und insbesondere auf unsere eigenen, selbstbezogenen Sorgen. In Gipfelerlebnissen haften wir nicht an, werden objektiver, fähiger, die Welt wahrzunehmen, als sei sie unabhängig nicht nur von dem Wahrnehmenden, sondern als könne die Natur an und für sich geschaut werden“. „… man kann sie in ihrem eigenen Sein (und als Zweck in sich selber) sehen anstatt als etwas, das sich benutzen lässt“.[40]


  • Sie setzen eine empfangende Haltung voraus sowie Mühe- und Wunschlosigkeit. „S-Erkenntnis im Gipfelerlebnis ist passiver und aufnehmender, demütiger, als normale Erkenntnis. Sie ist bereiter und fähiger, zuzuhören.“[41] „Weil er weniger motiviert ist, das heißt sich der Mühe-, Wunsch- und Bedürfnislosigkeit annähert, erwartet er in solchen Augenblicken auch weniger von sich. Er ist weniger selbstsüchtig. (Wir müssen uns daran erinnern, dass die Götter generell als ohne Bedürfnisse und Wünsche, ohne Defizite, ohne Fehler angesehen werden, erfreut an allen Dingen. In diesem Sinne wird der unmotivierte Mensch mehr Ebenbild Gottes.)“[42]


  • Das alltägliche Zeit- und Raumgefühl verliert seine Enge und weitet sich zu einem umfassenderen Dazugehören. „In dem Gipfelerlebnis findet eine sehr charakteristische Desorientierung hinsichtlich Zeit und Raum statt bis hin zum Verlust des Bewusstseins von Zeit und Raum. Positiv ausgedrückt entspricht das der Erfahrung von Universalität und Ewigkeit.“[43]


  • Der Erfahrende hadert nicht mehr mit dem Bösen und lässt seine Konflikte hinter sich. „Die Welt, die in Gipfelerlebnissen gesehen wird, ist schön, gut, wünschenswert, wertvoll usw. und wird niemals als böse und ablehnenswert erfahren. Die Welt wird akzeptiert. Die Leute werden sagen, dass sie sie dann verstehen. Am wichtigsten vor allem für den Vergleich mit religiösem Denken ist, dass sie irgendwie mit dem Bösen versöhnt werden. Das Böse selber wird akzeptiert und verstanden und am rechten Platz im Ganzen gesehen, als etwas, das dazugehört, als unvermeidlich, als notwendig und darum als angemessen.“[44]


  • Auf dem Gipfelerlebnis hat der Mensch eine veränderte Selbsterfahrung – seelisch, in seinen Werten und Handlungszielen. „Für Gipfelerlebnisse werden solche Emotionen wie Staunen, Ehrfurcht, Ehrerbietung, Demut, Ergebung und sogar Lobpreis im Angesicht der Größe der Erfahrung berichtet.“ „In Gipfelerlebnissen tendiert man, wenn auch vorübergehend, dazu, Furcht, Angst, Hemmung, Widerstand und Kontrolle, Fassungslosigkeit, Zögern und Zwanghaftigkeit zu verlieren. Die tiefe Furcht vor Auflösung, vor Krankheit…“ Die Person überwindet bisherige Konflikte und Polarisierungen.[45] Insofern haben Gipfelerfahrungen auch eine therapeutische Wirkung. Man fühlt sich insgesamt als Person wirklicher, fühlt sich seiner wahren Identität nahe: „In Gipfelerlebnissen gibt es eine Tendenz, näher heranzurücken an eine vollkommene Identität oder Einzigartigkeit oder Besonderheit einer Person oder ihres wirklichen Selbst. Man wird eine wirklichere Person.“[46]


  • Selbstbestimmtes Leben und Erkenntnis der eigenen Stärke: „Man empfindet sich in dieser Zeit mehr als verantwortlich, aktiv, als kreatives Zentrum der eigenen Aktivitäten oder der eigenen Wahrnehmungen, als Selbstbestimmter, als freier Handelnder, mit mehr ´freiem Willen´ im Gegensatz zu sonst.“[47]


  • Die Entdeckung der eigenen Stärke führt zu einer liebenden Öffnung für Andere. „Aber es wurde auch entdeckt, dass genau die Personen, die die klarste und stärkste Identität haben, genau die sind, denen die größten Fähigkeiten eignen, das Ego oder Selbst zu transzendieren und selbstlos zu werden, wenigstens relativ selbstlos und egolos.“ „Wer Gipfelerlebnisse hat, wird liebender und toleranter, und so wird er spontaner und ehrlicher und unschuldiger.“[48]


  • Die Diastase zwischen Himmel und Welt ist aufgelöst – der Himmel wird allgegenwärtig erfahren. „Was das ´Bewusstsein der Einheit´ genannt wurde, ist oft durch Gipfelerlebnisse gegeben, etwa in dem Sinne, dass das Heilige in und durch das spezielle Vorkommen des Augenblicks, des Säkularen, des Weltlichen scheint.“[49]



Besonders wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung als auch für soziale Systeme und deren Weiterentwicklung (bzw. kulturbegründend) ist Maslows Entdeckung, dass Menschen in Gipfelerfahrungen bestimmte Werte als selbstevident erfahren. Er nennt sie „S-Werte“, Seins-Werte. „Vielleicht war meine wichtigste Entdeckung das, was ich ´S-Werte´ oder die inneren Werte des Seins (being) nenne.“[50] Eine nähere Erläuterung dazu findet sich bei Maslow in „S-Werte als Beschreibung der Wahrnehmung während Gipfelerlebnissen“[51]. Im Folgenden liste ich diese Werte nur kurz auf: Wahrheit, Gutheit, Schönheit, Überwindung von Einseitigkeit, Lebendigkeit, Einzigartigkeit, Perfektion („nichts Überflüssiges, nichts fehlt; alles am richtigen Platz“[52]), Notwendigkeit, Vollständigkeit, Gerechtigkeit, Einfachheit, Reichtum, Mühelosigkeit, Spielend, Selbstgenügsamkeit.


Wichtig ist dabei, dass es sich nicht um Emotionen des Erlebenden handelt. „Die Beschreibung der S-Werte, verstanden als Aspekte der Realität, sollten unterschieden werden von den Haltungen und Emotionen des Seinskenners gegenüber dieser genannten Realität und deren Attributen, etwa Ehrfurcht, Liebe, Bewunderung…“[53]




3. Schweigen und Meditation als Einüben von Grundhaltungen zur Öffnung für peak experiences (contemplatio-Erfahrungen)


Ich verstehe Maslows Forschung als Fortführung und Konkretion dessen, was Bonhoeffer mit seiner These vom „religionslosen Christentum“, das auf Gott als außerweltliche Projektion verzichtet, vorschwebte. Luthers Schritt hinein in die Anfechtung – hinein in den radikalen Zweifel an Gott, wie ihn die Kirche bisher lehrte – beim gleichzeitigen Festhalten an Gottes Bezogensein in Jesus Christus auf uns – war ein fundamentaler Schritt, um das Einzel-Ich des Menschen aus der großen Gottes-Symbiose herauszulösen. Luther begründete die Ich-AG im Glauben, die sich vom symbiotischen Kirchen- und Gottesgehorsam lossagt und die die Gottesbegegnung in Jesus Christus zum einzigen Maßstab für die Gottesbegegnung erhebt. Die Christusbeziehung stärkt den Einzelnen, statt ihn zu schwächen. Bonhoeffer führt den Anfechtungsgedanken als Gipfel des spirituellen Erlebnisses fort und entwickelt ihn zum Konzept des „religionslosen Christentums“ weiter. Dies ist ein Christentum, das auf Gott als außerweltliche Projektion verzichtet und Gott mitten im Alltag in Fülle und Kraft statt in Grenzsituationen erlebt.


Faktisch heben beide damit die christliche Mystik auf neuzeitliches Niveau: Die Kontemplationserfahrung der „seligen Schau“ wird auf das Niveau des autonomen Ichs gehoben. Das Ich trennt si