• Sabine Bobert

Abschied von der Utopie

Die kranke Schwester der Hoffnung


Lange Zeit hatte ich »Hoffnung« und »Utopie« miteinander verwechselt. Und ich hielt diese Verwechselung auch noch für christlich. Inzwischen halte ich sie für pathologisch. Sie mag wohl christlich sein im Sinne der Kirchen. Doch von einer Spiritualität der Bewusstwerdung entfernt sie sich weit – so weit wie die Utopie von der Realität.


Was habe ich an Utopien auszusetzen? Die Moderne war ein Zeitalter großer Utopien. Es ging in ihren großen Erzählungen – heute würde ich sagen »Mythen« – um »die Bewusstwerdung der ganzen Gesellschaft« (Rudi Dutschke), um Ideale wie Kommunismus und Revolution, um Bildungsideale, eine Zeitauffassung als »Fortschritt« – fortschreitende Zeit.


Utopien sind Phantasien. Sie lenken von dem ab, was hier und jetzt möglich ist. Sie vertrösten in ein zeitliches oder räumliches Jenseits. Du könntest statt »Kommunismus« auch sagen: Du kämpfst für die Landung der pinken Aliens. Dann fällt dir der Fehler rascher auf.

Von Utopien unterscheide ich das konkrete Hoffen auf konkrete Handlungsziele. Das Durchhalten. Das strategische Denken. Die wache Offenheit für Gelegenheiten, die dich dem Ziel vielleicht glücklich sprunghaft näherbringen – schneller als das strategische Denken es für möglich gehalten hat. Insofern kannst du hier sogar mit Wundern rechnen, mit dem Unmöglichen.

Eine Utopie liegt außerhalb deiner Handlungsspielräume. Sie bezieht dich in eine Art Größenwahn ein: Du zählst zur (evtl. gesellschaftlich angesehenen) Gruppe der Gläubigen an die pink Aliens. Ihr lest intellektuelle Zeitschriften über deren Kultur, die mit ihnen auf der Erde ankommen wird. Ihr trefft euch in Debattierclubs und elaboriert euch fein ziselierte Argumentationsstrukturen.

Das scheint dem Glauben und Vertrauen auf die Utopie mehr Gewicht zu geben. Es nimmt ihr aber nicht den irrealen Charakter. Du bewegst dich in einer Phantasieblase, in einer Parallelwelt.

Du verlierst den Blick für …


Warum werden Utopien überhaupt nötig?

Der Ursprung der Utopie – sei sie räumlich oder zeitlich gedacht (verlorene Paradiese, künftige goldene Zeitalter, untergegangene Inselreiche, ferne Galaxien) – liegt in traumatischen Phasen der Menschheit (oder des Einzelnen).

In ihr kommt es zur Zertrümmerung der Persönlichkeit. Du beginnst, Gefühle und bis hin Teilpersönlichkeiten von dir abzuspalten. Du beginnst dann auch, zu projizieren: Unmögliches (was real ist), aus dir herauszuwerfen. Und Unreales (was nirgends ist) als irgendwo im Außen als real anzunehmen. (Es ist aber nur Utopisch – u-topos – im Nicht-Ort, in der Nicht-Zeit). Ich schreibe dies so ausführlich, damit du Utopie (die kranke Schwester der Hoffnung) nicht mit Hoffen und realer Gestaltungskraft vertauschst.


Statt räumlicher oder zeitlicher Utopie:

Bewusstwerdung (Bewusstseinsutopie): den eigenen Geist klarer kriegen. Starte zunächst damit, deinen Geist (dein Bewusstsein) so klar wie möglich zu kriegen. Beobachte deine Gedanken und deine Gefühlsmuster. Handle nicht, weil du zerrissen bist. Handle möglichst nur aus innerer Klarheit heraus. Sonst mach lieber nichts.

Du wirst sehen, dass sehr viel von dem, worunter du scheinbar im Außen leidest, ein übles Prägemuster in dir (und in der Gesamtkultur) ist. Sobald du das Muster in dir austilgst (heilst, fortsendest), schwindet der Veränderungsdruck im Außen (in Beziehungen, Gruppen, Gesellschaftsbereichen). Die Ursache des Leidens war »leer« – sie war eine Vorstellung.

Hauptspaltung (sogar noch bei Sigmund Freud als normal vorausgesetzt):

In Über-Ich (mit Idealen und Normen), Ich (geschwächt in Konflikten), Es (mit Aggression und Sexualität)

Freud wollte diese Schwächung lediglich schwächen. Aber die Zerrissenheit nicht zurücknehmen. Seine Tochter Anna Freud betrachtete die Menschen als gesund, wenn sie projizieren (»Das Ich und die Abwehrmechanismen«).

Abwehrmechanismen sind Wahrnehmungsstörungen. Wer genau hinschaut, sieht, dass du spinnst. – Auch wenn die Gesellschaft Spinnereien (wie Projektionen) für gut hält, damit du Unrecht erträgst. Er und sie kamen nicht auf die Idee, nach der Ursache der Spaltungsphase des menschlichen Bewusstseins überhaupt zu fragen. Was hat ihn zerrissen? Warum muss er fremden Normen gehorchen? Was ist an ihm falsch, so dass er für die Gesellschaft, um an ihr teilhaben zu dürfen, zerrissen wird?


In der Mystik stirbt nicht das Ich, sondern das Über-Ich – und damit die Fremdsicht auf dich, die du verinnerlicht hast und durch die du zerrissen bist. Und es stirbt der Glaube, dass du an irgend etwas Schuld hättest. Und dass du lebst, um Herrschern oder anderen zu dienen.

Wenn du mitmachen möchtest, ist das okay. Du wirst dich bestimmt auch gut dabei entwickeln. Wenn du mitmachen musst – und das nach auferlegten Mustern – dann ist das nicht okay. Du bist dann nicht mehr frei. Dann kommst du in die Zerrissenheit – zwischen dir und einer, wie ich sie nenne – symbiontischen Teilhabe. Dann kommt es zu Rollen und Teilpersönlichkeiten.

Sehen was ist. Und sehen was dir möglich ist.

Die größte Hoffnung (auch realistisch): Dass du gesund und klar wirst (Kopf, Herz, Hand) und wieder genau wahrnehmen lernst. Und Wahrnehmen von Projizieren, Phantasieren unterscheiden lernst. Dass du zunehmend aufhörst zu phantasieren. Und Phantasien zu konsumieren (als Texte, Filme). Dass du im Hier und Jetzt ankommst. Und merkst: Es ist nicht unerträglich. Du musst nicht in Selbstspaltung daraus fliehen: Weder ins Überich: ins Reich der Ideale und (unrealistischer) moralischer Ziele. Und nicht ins Opfer-Reich: Rückzug (in Phantasien), Unterwerfung (unter Überich-herrscher). Und nicht ins Anti-Opfer-Reich: in die Geste des Kämpfers (gegen Schatten, die er nach Außen projiziert).


Am meisten sehe ich Spaltung (im Unterschied zu Freud damals) als traumatische Aufspaltung des Menschen in:

  • Über-Ich: Moralischer Druck, »besser werden« zu müssen. Angeblich (als Voraussetzung) nicht »gut genug« zu sein. Schuldig zu sein. Schämenswert zu sein.

  • Erwachsenes Ich: kaum vorhanden. Eher als Display für roboterhafte Regeln, durch die eine Belohnung »besser geworden zu sein«, »weniger beschämenswert zu sein« erlangt werden soll.


Statt Eigenwille: Gehorsam. Funktionieren. Disziplin.

  • Wahrnehmen? Stark gestört: Durch Abwehr der Realität. (einstiger traumatischer Erfahrungen)

  • ES: die traumatischen Reste des Kindes: noch erstarrt als »schuldig« »schämen« bzw. in der weiteren Stufe: Rebellion – gegen das Über-Ich (Dauerkrieg, Rache, Beweisen. dass die Ablehnung falsch war – mit der Voraussetzung dass erst dann der Ursprungszustand: Sein – hergestellt werden könne.


Statt Projektion und Verlagern nach Außen (ferne Zeiten, ferne Orte).

Du wirst zunehmend erkennen: Du bist schon das, was du bislang in Utopien gesucht hast – was dir für ferne Zeiten oder frühere Orte/Zustände verheißen wurde (durch gesellschaftliche Mythen oder religiöse).

Und du wirst deinen Frieden finden – auch mit gewalttätigen Mitmenschen. Alle sind genau so wie sie sein möchten. An dir war nie etwas falsch. Es waren nur Phantasien, die dich herabgestuft haben. Und die dich dazu verleiten, etwas an dir oder im Außen zu verändern (zu kompensieren). Du musst dich auch nicht mehr aus dem Hier und Jetzt »fortbeamen« in höhere Menschheitsreiche. Deine Haupt-Hoffnung wird: wieder einen klaren Verstand zu kriegen und eine heilere Seele.


Realistisches Ziel: Spielen. Hierher gehört auch Rollenspiel. Aber es hat Leichtigkeit, ist jederzeit revidierbar (statt erbittert verteidigte Rollen). Es kann auch um Gewinnen und Größe gespielt werden. Aber vorausgesetzt ist das Wissen und die Verbindung zu einer Größe, die kaum Platz hat in der Kulturstufe.

Danach wirst du eine Art Wundertäter: ein Mensch, der die traumatisierte Spaltungsphase mehr und mehr ablegt.

Du siehst, was andere nicht sehen (weil sie Phantasieblasen für wichtiger halten und Abwehr von Realität für gesund halten – sonst könnten sie nicht stabil »funktionieren«).

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