Der Retter, der nie kam
- sabinebobert
- 16. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Warum Märchen Männern Erlösung zuschreiben und Mädchen das Warten lehren
Märchen sind nicht so harmlos wie sie scheinen. Sie prägen früh Erwartungen. Eine der hartnäckigsten davon lautet: Männer retten. Frauen werden gerettet.
Dieses Motiv lebt in Disney, Hollywood und Serien fort. Es wurde so oft erzählt, dass es kaum hinterfragt wird, obgleich es im Alltag täglich widerlegt wird. Darin liegt seine Macht.
Der männliche Retter als kulturelle Fiktion
Dass Männer in Märchen als Retter erscheinen, hat wenig mit beobachteter Wirklichkeit zu tun. Es geht nicht um Erfahrungsberichte sondern Zuschreibungen. Männer erscheinen als Helden, weil sie historisch über Macht verfügten: Eigentum, Waffen, Öffentlichkeit, Entscheidungsspielräume. Märchen folgern aus potentieller Macht: Wer retten kann, der wird es auch.
Dieser Logik wohnt im Kern der Irrtum inne: Wer strukturell mächtig ist, hilft gern und ist sozial kompetent. Wer handeln kann, der ist auch tragfähig in Freundschaft und Beziehung. Wer eingreifen kann, ist innerlich stabil. Wer Entscheidungsträger ist, ist emotional reif.
Genau das bleibt ungeprüft.
Der Drachentöter und Prinzessinenbefreier stellt selten unter Beweis, ob er auch zuhören kann, wie er mit Ambivalenzen umgeht und ob er die innere Welt eines anderen Menschen aushält, ohne sie zu kolonisieren (was bei Macht naheliegt).
Seine Aufgabe liegt im Handeln, nicht im liebevollen Bleiben. Er besiegt, befreit, beseitigt Gefahren. Damit hat er seine Arbeit getan. Es wäre oft gut für beide, wenn es dabei, wie bei Rettungseinsätzen, bleibt.
Die Beziehung beginnt erst nach der Rettung. Über sie schweigen sich Märchen aus.
Die märchen-Schule der Mädchen
Noch schwerer als die Fehlschlüsse aus männlicher Macht wiegt die Adressierung an Mädchen. Märchen werden seltener Jungen erzählt um diese zu Heldentaten zu motivieren. Sie nähren Phantasien von Mädchen, um sie in einer bestimmten Weise beziehungsbereit zu machen.
Das Mädchen im Märchen ist nicht aktiv sondern hofft. Es lernt nicht, zwischen Prinzen und Helden auszuwählen sondern vertraut. Es durchlebt keine Prüfungen fürs Leben sondern ihm wird vor Augen gemalt, dass Rettung von außen kommt. Auch hierfür muss es nichts tun, nur eines: hoffen, still und treu. Dafür wird es mit dem Retter belohnt.
Diese Erzählung vermittelt ein kulturelles Stillhalteprogramm. Es verlagert die Verantwortung von einer unerträglichen Gegenwart in eine Zukunft. Es gibt kein Modell für eigenständiges Handeln und rät statt dessen zum Hoffen und Warten. Mädchen, die auf Prinzen warten, lernen nicht zu fragen: Welche emotionalen und sozialen Fähigkeiten bringt dieser Mensch mit? Und erst recht, falls er mächtig und/ oder ein Kämpfer ist: Kann er auch gewaltfrei und auf Augenhöhe Konflikte lösen – und will er das auch bei mir?
Statt dessen lernen Mädchen zu hoffen: Wenn ich nur lange genug ausharre, wird er sich als Retter erweisen. Das ist keine romantische Phantasie. Es ist eine sozial funktionale Illusion.
Hoffnung statt Prüfung
Die kulturelle Blendung liegt darin: Märchen ersetzen Beurteilung durch Erwartung. Statt Mädchen Werkzeuge zu geben, wie sie Menschen einschätzen können – durch emotionale Reife, Selbstverantwortung, Beziehungskompetenz – geben sie ihnen ein Versprechen: Der Richtige wird kommen.
Dies ist nicht nur naiv. Es wirkt als strukturelle Blindheit und macht handlungsunfähig. Wer auf Retter wartet, achtet kaum auf Warnzeichen. Wer auf Erlösung hofft, ist viel zu lange Zeit dazu bereit, Mängel zu übersehen und danach mit ihnen zu leben. Wer schon im Alltag emotionale Abwesenheit toleriert, wird in Krisenzeiten Schlimmeres, blind hoffend, überstehen.
Und reale Männer sind mit märchenhaften Rollen überfordert.
Die späte Ernüchterung
Wenn Frauen später feststellen, dass viele Männer emotional unsicher, abhängig oder unreif sind und teils wenig beziehungsförderliche Lösungen wählen, erleben sie das oft als persönliches Scheitern. Dabei kollidiert hier Erzählung mit Wirklichkeit.
Männer wurden über Generationen hin nicht systematisch in Beziehungskompetenz sozialisiert. Frauen hingegen mussten früh lernen, zu vermitteln, Menschen zu stabilisieren und zu tragen. Das Märchen kaschiert dieses Ungleichgewicht, indem es Männern Erlösung zuschreibt und Frauen Anpassung.
Die Enttäuschung entsteht nicht, weil Frauen zuviel erwarten sondern weil sie auf etwas erwartungsmäßig hin programmiert wurden, das strukturell nie eingeübt wurde. Und das reale Männer oft überfordert.
Der Preis der Lüge
Die Retterstory ist kein Scherz am Rande. Sie kostet Lebenszeit, Burnout, teils Gesundheit und Gewalterfahrungen. Sie blendet Frauen mit unbegründeten Hoffnungen und gaslightet sie, indem Frauen ihre Wahrnehmungen anzweifeln.
Männer werden davon entlastet, von ihren Partnerinnen danach beurteilt zu werden, ob sie tatsächlich beziehungsfähig sind.
Solange Heldenstories und Retterphantasien weiterwirken, bleibt das Gefälle erhalten: Männer dürfen unreif sein, Frauen sollen verstehen. Männer dürfen experimentieren, Frauen sollen warten bis der Held sich entwickelt hat.
Kulturelle Skripte vermitteln eher nicht, wie Beziehungen tatsächlich sind. Sie vertiefen strukturelle Ungleichheit und schenken phantastischen Trost für grundlose Duldung.
So romantisch die Märchen von Prinzen und Rettern wirken – sie lehren nicht Liebe sondern Geduld. Nicht den Richtigen zu erkennen sondern mit dem Falschen an der Seite länger zu hoffen. Dadurch wird Reifung auf beiden Seiten blockiert.

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