Ikonen als therapeutische Gegenkultur in einer ästhetisch attackierendenWelt
- sabinebobert
- 24. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
(Aus meinem Buchprojekt über Pavel Florenskijs Buch "Ikonostase" - ins Heute übertragen)
Die sanfte Sprengkraft des Heiligen
Es gibt Räume, in denen die Zeit auf Zehenspitzen geht. In denen selbst das Licht zu lauschen scheint. Eine Ikone steht in einer Fensternische. Sie mag nicht groß sein. Vielleicht zeigt sie nur ein gold umstrahltes Antlitz. Nicht einmal eine Kerze muss vor ihr entzündet sein. Doch dieser unscheinbare Gegenstand aus einer alten Welt besitzt eine therapeutische Sprengkraft.
Was vermag eine Ikone, was die unendliche Galerie der Bildschirme und Smartphones nicht präsentieren kann? Eine erste Antwort: Sie heilt den Blick selbst. Doch das ist nur der Anfang. Die zweite Antwort: Sie heilt das innere Verhältnis zwischen Welt und Seele. Und das ist vielleicht das, was unsere Gegenwart am dringendsten braucht.
Unsere vernarbte Wahrnehmung: Die Ästhetik der westlichen Welt
Die Ästhetik der gegenwärtigen westlichen Welt setzt ein ehernes Gesetz durch: Sie will Aufmerksamkeit binden, egal was man schaut: Werbung, Film, Social Media. Ihre Ästhetik will den Menschen nicht erheben, durchlichten oder verwandeln. Ihre Bilder, Hooks und Headlines schreien. Sie reißt einen mit sich im Wipe Out aus Reiz, Geschwindigkeit, Farbintensität und Maximalkörpern. Die Gesichter und Maße sind gefiltert, befreit von Zeit und Seele. Die Landschaften sind so übersättigt, dass sie an die Grenze des Albernen geraten. Selbst ihre aalglatte Schönheit bekommt etwas Aggressives in ihrer unnahbaren, abweisenden Oberfläche.
Diese Ästhetik will nicht verstanden sondern verschlungen werden. Sie drängt sich auf und eröffnet nichts. Sie erzeugt sinnbefreite Sucht nach noch mehr: Reiz, Geschwindigkeit, Bestätigung. In ihren Bildern spiegelt sich nicht Welt sondern Markt. Sie bannen den Blick und entziehen der Seele den festen Boden. Genau hier betreten Ikonen den Raum, nicht als antiquarische Kunstwerke, sondern als Antwort auf ein ästhetisches und seelisches Defizit.
Die Ikone: Ein Ankommen der anderen Welt
Pavel Florenskij, der russische „Leonardo der Seele“, sagt in seinem Buch „Ikonostase“: Die Ikone ist kein Bild sondern eine Gegenwart. In ihrem Antlitz geschieht eine leise Verschiebung. Nicht die Welt kommt zum Betrachter. Das Heilige tritt in unsere Welt ein.
Ihre Farben schreien nicht. Ihre Linien sind klar aber nicht hart, streng aber nicht kalt, offen aber nicht entblößend. Die Gesichter schauen nicht auf uns. Sie schauen durch uns hindurch, in eine Tiefenschicht, die uns unerreichbar erscheint. Die Ikone ist eine Therapeutin der Wahrnehmung, weil sie etwas radikal Unzeitgemäßes tut: Sie respektiert den Betrachter. Sie drängt ihn nicht und schreit ihn nicht farblich oder mit Hooks an – sie wartet. Sie überredet ihn nicht manipulativ – sie lädt ein. Sie verführt nicht – sie öffnet. Das ist das Heilsame: Sie erschafft einen Raum, in dem die Seele wieder atmen darf.
Gegenkultur: Die umgekehrte Perspektive als Therapie
Florenskij nennt die Bildtechnik der Ikonen „umgekehrte Perspektive“. Im Westen fließen alle Linien in einen Punkt im Hintergrund hinein. Die Welt verschwindet in der Ferne und wird zur Bühne für das Auge.
Die Ikone tut das Gegenteil. Ihre Linien entspringen dem Bildraum und laufen auf den Betrachter zu. Es ist als käme ein anderer Blick aus der Tiefe der Ewigkeit direkt auf uns zu. Das bedeutet: Wir sind nicht Herren des Bildes. Wir werden gesehen.
Psychologisch ist das revolutionär. In eine Welt, in der wir aus wirtschaftlichem und seelischem Survival performen sollen, bringt die Ikone eine ganz andere Dynamik hinein. Nicht wir zeigen und gießen uns in die Welt hinein aus. Sondern die Welt Gottes strahlt in uns hinein. Die therapeutische Kraft liegt darin, dass der Mensch damit aufhören kann, sich als Projekt misszuverstehen. Der Survival-Selbstentwurfszwang, der uns krank macht, verliert vor der Ikone seine Macht.
Die Rückkehr des stillen Raumes
Der moderne Raum ist ein Raum der Reize. Der ikonische Raum ist ein Raum der Resonanz. Stellen wir eine Ikone in unser Zimmer, dann verändert sich nicht nur das Aussehen der Ecke oder der Wand. Es verändert sich das Klima der Seele. Sie entschleunigt, in eine Stille hinein, die aufatmet. Ihr Blick schafft ein Gravitationsfeld, in dem sich der Raum sammelt.
Viele Menschen, ob religiös oder nicht, beschreiben, dass sie vor einer Ikone spüren, dass etwas zu ihnen zurückkehrt. Der Grund ist einfach. Die Ikone ist ein Ästhet der Tiefe. Sie ist das Medikament gegen die manipulative Bilderflut, die uns zerstückelt und unsere Aufmerksamkeit aufsaugt. Sie sammelt den Blick wieder und heilt die Zerrissenheit.
Ikonen als kulturelles Immunsystem
Wer einfach nur sagt „Ikonen sind religöse Kunst“ verwechselt Orkan mit leichter Brise. Ikonen wollen nicht einfach schön sein. Sie wirken kontraästhetisch im Verhältnis zur westlichen Gegenwart. Ihre Sanftheit ist radikal. Ihre Stille politisch, ihre Strenge befreit. Die Ikone widerspricht einem System, das Menschen aufbraucht und sie Leben mit Dauerkonsum verwechseln lässt. Ikonen sind eine Gestalt mentaler Resilienz.
So wie Pflanzen Beton platzen lassen, kann eine einzige Ikone ein geistiges Mikrobiom in eine moderne Wohnung einschleusen, mit anderer Luftqualität, anderem Luftdruckgebiet und anderem Zeitrhythmus. Die Ikone ruft nicht zurück zur Nostalgie sondern sie schafft Alternativen. Sie liefert eine heilsame Gegenkultur und setzt Maßstäbe: wo Schönheit keinen Lärm braucht, Bedeutung nicht manipuliert und ein Blick heilt und ordnet.

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