Herausgehen aus dem Betrogensein
- sabinebobert
- vor 2 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Vier Essays vom Wahrnehmen hin zum Gehen
(Aus meinem Buchprojekt: Beziehungen und Freundschaft)
I. Die unerwünschte Frau
Sie wird nicht verlassen, nicht am Anfang. Am Anfang wird sie nicht mehr gemeint. Der Mann ist noch da. Er sitzt mit ihr am Tisch. Er fährt mit ihr in den Urlaub. Er schläft neben ihr.
Und doch ist etwas fort. Nicht sichtbar, nicht beweisbar, doch spürbar. Es ist noch nicht denkbar. Doch der Körper spürt: Etwas stimmt nicht mehr. Viele leise Signale sind schon eindeutig und beständig. Der Blick verweilt kürzer. Antworten kommen schneller und schärfer. Berührungen bleiben ohne Antwort. Der Körper wird unruhig, angespannt und wach und kommt nicht mehr zur Ruhe. Die Frau lebt in Nähe, doch ohne Gegenseitigkeit.
Das ist der Kern. Denn Nähe schützt nur wenn sie geteilt wird. Wo Nähe einseitig gelebt wird, wird sie gefährlich. Die unerwünschte Frau beginnt sich zu bewegen, nicht weg sondern hin. Sie fragt, sucht Erklärungen, bietet noch mehr auf. Nicht weil sie schwach ist sondern weil Bindung so funktioniert. Bindung sucht Kontakt wenn sie bedroht ist.
Doch hier antwortet niemand mehr. Der Mann lebt bereits in einem anderen Raum. Nicht zwingend körperlich doch innerlich. Seine Aufmerksamkeit ist geteilt. Seine Loyalität ist verschoben, seine Energie woanders gebunden. Das Doppelleben schafft ein neues Energiesystem. Die Form der Beziehung ist noch da, aber die Kraft ist entzogen.
Für die Frau bedeutet das: Ab jetzt trägt nur noch sie die Beziehung. Für sie selbst gibt es keinen Halt. Der Mann antwortet auf solche Wahrnehmungen mit Ungeduld statt Klärung. Er wertet ab, ist gereizt, schweigt. Nicht gezielt grausam wie ein Narzisst sondern weil die Wahrnehmung der Frau seine innere Spaltung berührt.
Die Frau beginnt zu zweifeln. Nicht zuerst an ihm sondern an sich: Bin ich zu sensibel? Fordere ich zuviel? So entsteht das eigentliche Trauma: im Verlust der eigenen Realitätssicherheit. Die Frau weiß etwas das noch niemand bestätigt. Wissen ohne Resonanz macht einsam.
Der Wendepunkt kommt selten als Geständnis. Ein stiller Gedanke steigt auf: Ich habe keine Beziehung mehr. Nicht: Er betrügt mich. „Da ist niemand mehr, der bei mir ist.“ Ohne Siegesgefühl. Ohne befreit zu sein. Sie erkennt den Realitätsbruch. Sie war weder krank noch hysterisch. Ihre Wahrnehmung lag richtig.
Die unerwünschte Frau ist keine Frau, die zuviel geliebt hat. Sie ist eine Frau, die allein geliebt hat.
II. Dialog mit dem, was der Mann nicht ausspricht
Ich sage nichts weil ich nicht weiß wie. Ich bin noch da aber ich bin nicht mehr hier. Ich kehre heim und es fühlt sich an wie ein Durchgang. Hier ist es nicht kalt oder feindlich aber leer für mich. Du merkst es an Dingen, die ich nicht kontrolliere an mir. In meinem Ton, an meiner Ungeduld, in meinem Ausweichen.
Ich sehe daß du fragst und dich bemühst. Ich höre deine Sätze. Aber ich kann nicht antworten ohne etwas zu verlieren. Ich lebe in zwei Räumen. In einem bin ich leicht. In dem anderen funktioniere ich. Du gehörst zu dem Raum in dem ich funktioniere. Ich sage mir, dass das genügt und dass ich damit nichts zerstöre solange ich bleibe.
Aber ich weiß dass ich nicht bleiben werde. Wenn du mir nahe kommst, werde ich schärfer. Nicht weil du falsch bist sondern weil Nähe gefährlich wird wenn man nicht mehr ganz da ist. Deine Fragen beunruhigen mich weil du etwas klar siehst das ich verdecke.
Ich sehe dass du schwächer wirst und ich habe kein gutes Ende für dich. Doch das ist einfacher für mich als meine Spaltung anzusehen. Ich habe nicht einmal ein klares Ende für mich in Sicht. Was ich nicht sage ist dies: Dass ich dich längst verlassen habe bevor du es wusstest. Du hast es gespürt und ich habe es geleugnet. Deine Unruhe war meine Wahrheit.
III. Was die Frau sich nicht mehr sagt
Ich sage mir nicht länger, dass ich Geduld haben muss. Ich sage mir nicht mehr, dass es gerade schwierig ist. Ich sage mir nicht länger, dass Nähe manchmal so aussieht. Diese Sätze haben mich lange gehalten. Doch sie haben mich festgehalten.
Ich sage mir nicht länger, dass ich überempfindlich sei. Dass ich falsch höre, zuviel sehe, nicht Vorhandenes spüre. Mein Körper hat nicht übertrieben. Er hat es mir gezeigt.
Ich sage mir nicht länger, dass ich noch klarer oder verständnisvoller sein muss. Ich habe genug verstanden. Ich muss nicht länger warten. Warten bedeutet allein zu bleiben während ich noch neben jemandem liege.
Ich sage mir nicht mehr, dass Nähe repariert, was längst nicht mehr geteilt wird. Ich muss nicht mehr kämpfen. Ich habe alles gegeben: Aufmerksamkeit, Rücksicht. Ich habe den Kampf nicht verloren weil ich zuwenig war. Ich habe verloren weil ich alleine war.
Ich muss nicht länger erklären warum mir etwas fehlt. Was ich spüre, höre, sehe ist nicht länger erklärungsbedürftig. Ich muss nicht mehr bleiben um richtig zu handeln und zu sein. Ich darf gehen ohne Unrecht zu haben oder schlecht zu sein. Ich muss nicht hart werden, nur klar bleiben. Klarheit fühlt sich ruhig an, unspektakulär.
Ich sage mir nicht länger, dass ich ihn verstehen muss, um uns oder mich zu schützen. Ich verstehe genug. Ich sage mir, nicht laut oder feierlich: Ich war da. Ich habe gespürt. Ich habe mich nicht geirrt.
Das reicht.
IV. Was bleibt wenn nichts mehr gesagt wird
Da bleibt kein Satz der alles erklärt. Es ergibt kein Bild, das tröstet. Hier reimt sich keine Geschichte, die Sinn verspricht. Doch es bleibt Raum. Ein Raum ohne Spannung, ohne Erwartung, ohne Verteidigung. In ihm hört der Körper auf, sich ständig zu prüfen. Der Blick muss keine Fassaden mehr prüfen.
Die Aufmerksamkeit darf wieder spazieren gehen. Es bleibt Zeit, die nicht für Rettungsprojekte genutzt werden muss. Tage müssen keine Beweise mehr erbringen. Nächten muss keine Klarheit abgerungen werden. Es bleibt das Wissen, dass Wahrnehmung genügt.
Man muss nicht bleiben um zur eigenen Loyalität zu stehen. Man darf gehen ohne etwas zerstört zu haben. Es bleibt kein Groll. Nichts muss vergeben werden. Da war nichts mehr was gehalten hat.
Es bleibt kein Stolz. Er ist nicht nötig. Es bleibt: Bewegung. Gehen. Atmen. Spüren. Ein Schritt nach dem anderen. Richtung ist noch nicht nötig.
Es bleibt ein leiser Respekt vor dem was man einseitig geleistet hat. Und eine größere Ruhe gegenüber dem was nicht mehr ist. Es bleibt Gegenwart. Nicht als Antwort, nicht als Lösung. Als Zustand.

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