Der Verrat der keiner sein darf. Über Freundschaft
- sabinebobert
- 24. Dez. 2025
- 1 Min. Lesezeit
Es gibt Verluste, die sind kulturell unsichtbar. Nicht weil sie klein wären, sondern weil es keine Sprache für sie gibt. Der Verlust einer Freundschaft zugunsten einer Liebesbeziehung ist einer dieser Verluste. Er gilt nicht als Bruch. Nicht als Verrat. Nicht einmal als Entscheidung. Er gilt als selbstverständlich.
Die Selbstverständlichkeit als Gewaltform
Was diese Erfahrung so schmerzhaft macht, ist nicht nur das Zurückgesetztwerden sondern die Nicht-Erklärungsbedürftigkeit des Bruchs. Die Freundin verschwindet nicht mit Streit. Nicht mit Abwertung. Nicht mit bösem Willen. Sie verschwindet durch Priorisierung. Und diese Priorisierung gilt als natürlich. Gerade darin liegt ihre Gewalt. Sie wird nicht verhandelt, nicht erklärt, nicht betrauert. Sie passiert.
Freundschaft ohne Existenzstatus
Freundschaft besitzt in dieser Kultur keinen vollen Existenzstatus. Sie darf begleiten, trösten, teilen. Aber sie darf nicht strukturieren, beanspruchen, konkurrieren. Sobald eine Liebesbeziehung eintritt, wird Freundschaft automatisch nachgeordnet. Nicht aus Feindseligkeit sondern aus kultureller Schulung.
Die ontologische Kränkung
Für Zurückgelassene entsteht keine einfache Traurigkeit. Es entsteht Tieferes: eine ontologische Kränkung. Nicht: Ich vermisse dich. Sondern: War ich je lebensrelevant? Diese Frage ist zerstörerisch weil sie nicht beantwortet wird. Denn die Kultur sagt: Natürlich war das weniger wichtig. Und genau das macht sprachlos.
Der eigentliche Verrat
Der eigentliche Verrat besteht nicht im Gehen. Er besteht darin, dass das Gehen keiner Rechtfertigung bedarf. Dass Nähe ohne Erklärung entwertet werden darf. Dies ist keine individuelle Schuld. Es ist ein strukturelles Problem.

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