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Die Kultur der Zumutung



Warum das Leid nicht im Menschen sitzt


Es gibt eine stille Verschiebung, die kaum jemand bemerkt. Sie hat nichts mit Ideologien zu tun, nichts mit Moral oder persönlichem Versagen. Sie gedeiht darin, dass man das, was früher Zumutung genannt wurde, heute mit Normalität bezeichnet.


Eine Kultur mag noch nicht grausam sein, nur weil sie brutal ist. Grausamkeit erwächst jedoch daraus, wenn selbstverständlich wird, dass niemand mehr fragt ob sie tragbar ist. Die Fraglichkeit verlagert sich dann nach innen: Warum halte ich das nicht aus? Warum bin ich so müde? Der Ursprung der Fraglichkeit bleibt dann unsichtbar.


Die große Lüge moderner Gesellschaften lautet nicht Freiheit sondern Alternativlosigkeit. Sie redet dir ein: So ist das Leben. So funktioniert Arbeit. So sind Verantwortung und Erwachsensein. Dann erscheint alles, was sich dagegen sträubt, als unreif, krank oder schwach.



Leiden ist Realitätssinn


Dabei ist das Leiden Ausdruck von Realitätssinn. Der Körper meldet ein Zuviel, Zuschnell, zu Dauer-Haft. Doch für diese Signale findet sich kein kultureller Ort. So werden sie individualisiert, mediziniert oder psychologisiert. All dies ja – nur: Nicht gehört.


Früher wusste man: Ein Körper der nicht mehr kann ist kein moralisches Problem. Heute ist er eines. Er gilt als unzuverlässig, defizitär oder als therapiebedürftig. Nicht die Zumutung selbst wird infrage gestellt sondern das Wesen, das diese nicht erträgt.




Die Scham der verinnerlichten Ordnung


Das eigentlich Erschreckende ist nicht, dass Menschen zusammenbrechen. Es ist, dass sie sich dafür schämen. Scham zeigt an, dass die Ordnung vollständig verinnerlicht wurde. Sie zeigt, dass der Zwang keinen Wächter mehr braucht.




Versteck-Orte für Lasten


Eine Kultur, die ihre Lasten nicht begrenzt, muss diese verstecken. Hierfür eignen sich Diagnosen, Programme zur Selbstoptimierung, Resilienz-Programme oder Appelle an Achtsamkeit.


Sie helfen Menschen, noch fügsamer zu werden, jedoch nicht freier.




Wieviel Zumutung darf eine Kultur erzeugen?


Vielleicht ist das der Punkt, an dem wir neu lesen müssen, was Kultur eigentlich ausmacht. Nicht: Wieviel von ihr hält der Mensch aus? Sondern: Wieviel Zumutung darf eine Ordnung erzeugen, bevor sie sich als Kultur deligitimiert?

Eine Kultur, die nur funktioniert, solange sich Menschen dauerhaft übergehen, ist nicht anspruchsvoll. Sie ist für Menschen schlecht gebaut.


Ihr Gegenbild ist kein Paradies. Eine tragfähige Kultur lässt sich nüchtern beschreiben. In ihr muss Begrenzung nicht erklärt werden. Erschöpfung gilt als Argument. Rückzug bedeutet kein Scheitern. Das Leben wird nicht maximiert sondern unterstützt. Nichts davon ist heroisch. Sie ist nur bewohnbar.


Vielleicht ist das die eigentliche Provokation: dass Freiheit nicht dort beginnt, wo alles möglich ist sondern dort, wo nicht mehr alles verlangt wird.

 
 
 

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