Warum Distanz manchmal die ehrlichste Form von Nähe ist
- sabinebobert
- 6. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Das moderne Missverständnis von Nähe
Es gibt ein modernes Missverstandnis von Nähe. Es lautet: Nähe sei gut. Je mehr Nähe, desto besser.
Dieses Missverständnis ist tief verankert, psychologisch, kulturell und spirituell. Es lastet auf Liebesbeziehungen, Freundschaften, Seelsorge und Gemeinschaften. Doch übersieht es etwas Entscheidendes: Nähe ist niemals neutral.
Nähe bedeutet Zugriff. Nicht unbedingt böse sondern eher unbewusst und liebevoll gemeint. Wer nahekommt nimmt wahr. Wer wahrnimmt deutet. Wer deutet, ordnet ein. Wer einordnet, verändert das Wahrgenommene.
Distanz als ethische Haltung
Distanz unterbricht diese Kette. Distanz unterscheidet sich von Abwendung, Kälte oder Gleichgültigkeit. Distanz heißt: Ich lasse dich dort wo du bist. Für Menschen, die klar sehen, dass Nähe meist mit Bedeutung, Erwartung oder Konsequenz verbunden ist, ist Distanz keine Vermeidung sondern eine ethische Haltung. Sie entspringt der Entscheidung, jemanden nicht zu besetzen.
Nähe als Raum des Zugriffs
In autoritären Systemen war Nähe selten privat. Sie wurde überwacht, gedeutet und instrumentalisiert. Auch in Familien, die von Trauma oder narzisstischer Dynamik geprägt waren, war Nähe kein sicherer Ort sondern ein Raum des Zugriffs. Wer unter solchen Bedingungen aufwuchs, lernte etwas Grundlegendes: dass das Innere nur dort überlebt wo es nicht betreten wird.
Diese Menschen entwickeln eine feine Wahrnehmung für Grenzüberschreitungen. Nicht nur für grobe sondern auch für die leisen: für Fragen, die zuviel wissen wollen; für Blicke, die etwas erwarten; für Nähe, die nicht still sein kann. Wenn sie Distanz wahren, dann nicht aus Angst vor Beziehung sondern aus Treue zu einer inneren Ordnung. Distanz bewahrt Möglichkeiten. Nähe schließt sie vorschnell aus. Nähe verlangt Antworten, Distanz erlaubt Schweigen. Nähe will Resonanz. Distanz lässt Verschiedenheit stehen. Nähe will Klärung. Distanz hält Ambivalenzen aus.
In Liebesbeziehungen wird Distanz besonders missverstanden. Sie gilt als Mangel, Kälte, Beziehungsstörung. Dabei ist sie häufig der einzige Raum, in dem sich etwas Echtes halten kann. Denn Liebe, die ständig Nähe verlangt, verliert ihre Großzügigkeit. Liebe, die Distanz erlaubt, verzichtet auf Besitz.
Ost-West-Beziehungen: Zurückhaltung, Schutz und leise Loyalität
In Ost-West-Beziehungen wird dieser Unterschied besonders augenfällig. Der Westen bringt sein Näheideal oft mit: Er will reden, teilen, planen und offenlegen. Der Osten, also viele ostdeutsch geprägte Biografien, bringen ein anderes Ethos ein: die Wertschätzung für Zurückhaltung, Schutz und leise Loyalität.
Hier prallen keine Charaktere aufeinander sondern Beziehungslogiken. Der oft spät erkannte Fehler liegt nicht darin, Nähe zu wollen sondern sie zu fordern.
Distanz vertraut auf Dauer statt auf Intensität
Distanz bleibt ehrlich wo Nähe etwas zerstören würde. Sie sagt: Ich komme dir nicht näher weil ich dich nicht verlieren will und auch mich nicht.
Vielleicht ist Distanz in solchen Fällen die reifere Form von Beziehung. Sie wird nicht übergriffig und kann trotzdem verbindlich sein.
Eine Beziehung, die Distanz aushält, vertraut auf Dauer statt Intensität. Sie schätzt Respekt mehr denn Zugriff. Sie wahrt Unterschiede anstelle von Verschmelzung. Vielleicht ist das die Nähe, die wieder neu erlaubt werden müsste: eine Nähe, die nichts will.

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