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Beziehung als Normierungsinstanz.Wenn Nähe nicht mehr frei ist

Beziehungen gelten als Gegenwelt zur Ordnung, als heiler Hort des Privaten. Man hofft auf sie als Heilungsort, weil sie endlich einen Raum bieten in dem man nicht mehr funktionieren muss. Doch diese Hoffnung trügt. Denn Beziehungen sind längst zu Normierungsinstanzen geworden.



Nähe ist nicht mehr voraussetzungslos


Es gab eine Zeit, in der Nähe noch unverfügbar und nicht planbar war. Sie war etwas, das geschah. Heute wird Nähe an Bedingungen geknüpft wie Reflexionsbereitschaft, emotionale Kompetenz, Funktionalität in Rollen. Man darf nah sein wenn man sich wie erwartet verhält.



Beziehung als Ort der Feinsteuerung


Was Institutionen im Groben regeln, das steuern Beziehungen im Feintuning. Hier gibt es zwar weder Prämien noch Evaluationsbögen mit Auswertungssitzungen. Doch es gibt Sitzungen mit Gesprächen über Gefühle, Rückzug, einen Blick. Beziehungen verbieten nicht ausdrücklich, doch sie spiegeln. Das unerwünschte Verhalten soll korrigiert werden, ohne dass jemand Macht ausübt, zumindest nicht sichtbar.



Die Verschiebung von Freiheit ins Private


Was öffentlich als übergriffig erscheinen würde, wird in Beziehungen ausgelagert. Man soll sich entwickeln, an sich arbeiten, verletzlicher sein, sich öffnen. Keinesfalls als Zwang, nur als Liebesbeweis. So wartet auch privat viel Arbeit auf einen.



Normen im Gewand der Intimität


Im Privaten sagt man selten: So musst du sein. Sanfter klingt: So brauche ich dich. Solche intim mitgeteilten Normen kann man schwer kritisieren, denn hier erscheint ein Regelverstoß schnell als Ablehnung eines Menschen. Nähe wird zur moralischen Verpflichtung.



Beziehung ersetzt soziale Sanktionen


Wer nicht passt, wird nicht ausgeschlossen sondern verlassen, mit Rekurs auf Gefühle: Man fühlt sich mit seinen Wünschen nicht gesehen. Die Sätze klingen persönlich, üben aber normativen Druck aus.



Der Verlust der Unverfügbarkeit


Freie Nähe kennt Unverfügbarkeit. Man darf widersprüchlich und unklar sein. Man darf anders sein als der Andere es erwartet hat. Normierende Beziehungen schrumpfen die Unverfügbarkeit. Man soll erklärbar, verlässlich und emotional lesbar sein. Wer das nicht ist, gilt als problematisch.



Die Individualisierung von Anpassung


Anpassung heißt heute nicht mehr Konformität sondern Beziehungsarbeit. Man hat sich nicht angepasst sondern sei gewachsen. Man reguliert sich nicht sondern ist jetzt reflektierter. Freiheit und Anpassung erscheinen jetzt wie dasselbe.



Nähe unter Beobachtung


In normierenden Beziehungen ist Nähe mit Dauerbeobachtung verbunden: Wie reagierst du, sprichst du, wie gehst du mit Konflikten um? Die Aufmerksamkeit kann mit Fürsorge begründet werden, doch sie zielt auf Selbstüberwachung und -regulierung. Man ist sich nicht einfach nah. Man kommt sich korrekt nahe.



Wenn Rückzug als Defizit gilt


Wer sich entzieht, gilt schnell als unreif, beziehungsängstlich, unsicher gebunden. Rückzug wird diagnostiziert, aber nicht als passende Antwort auf Überforderung verstanden. Nähe gilt als einzige Alternative.



Eine andere Idee von Beziehung


Vielleicht suchen viele statt Normierung oder Rückzug eine Beziehung, die sie nicht zusätzlich zum Alltag normiert. Und in der eine nicht vorhergesehene Antwort nicht weiter erklärt oder korrigiert werden muss. Wo sie nicht schon wieder den Druck erleben: Ist das gut genug? Sind wir (noch) richtig? Sondern in der sie sagen können: Beziehung ist das, was hier geschieht.


Vielleicht meint Nähe zwischen zwei verschiedenen Menschen, Menschen nicht mehr passend zu machen.

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