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Die soziale Ächtung von Klarheit

Klarheit argumentiert nicht. Sie steht einfach im Raum. Sie behauptet nicht: Ich habe recht. Sondern sie beschreibt: So war es. Sie pocht nicht einmal auf Zustimmung. Und begründet die Fakten nicht weiter. Das ist sozial kaum auszuhalten.


Denn soziale Räume setzen auf Mitspielbarkeit. Sie wollen vieles offenlassen, damit alle bleiben. Sie weichen Ränder auf und lieben Andeutungen. Wer klar spricht, raubt andern Ausweichbewegungen. Er begnügt sich nicht mit eleganten Verschiebungen oder beruhigenden Halbsätzen. Plötzlich passen beliebte Ausweichphrasen nicht mehr wie: „So einfach ist das nicht.“ „Es gibt immer zwei Seiten.“ „Man muss das im Kontext sehen.“


Klarheit stellt Tarnmanöver bloß.



Warum Klarheit als Angriff verstanden wird


Klarheit greift niemanden an und stellt dennoch etwas infrage. Zum Beispiel Ordnungen, die bestimmte Personen schützen. Wer beispielweise sagt „Das war Gewalt“, sagt unausgesprochen mit: „... und ihr habt das mitgetragen. Ihr habt weggesehen. Ihr habt es erklärt.“ Die Enttarnten reagieren daher nicht auf den Inhalt sondern auf die Existenz von Klarheit, selbst wenn die Fakten nur erzählt wurden und nicht als Angriff gemeint waren. Unterstützer fühlen sich entlarvt auch wenn niemand sie angesprochen hat.



Die Mechanik der Ächtung


Soziale Ächtung von Klarheit wird selten ausgesprochen: „Wir ächten Klarheit!“ Selten wird jemand mit Sätzen korrigiert wie: „Das darfst du hier nicht sagen.“ Meist sagen die anderen gar nichts.

Eine andere Variante ist es, den Sprecher statt der Klarheit anzugreifen: „Du bist sehr radikal geworden.“ „Du siehst alles so schwarz-weiß.“ „Du bist hart.“ „Du hast dich sehr zum Nachteil verändert.“ Nichts davon ist Argument. Diese Sätze sind Markierungen und meinen faktisch: „Du bist hier sozial nicht mehr anschlussfähig.“ Die Klarheit selbst bleibt unbestritten. Doch sie wird sozial umgangen.



Warum ausgerechnet Klarheit die Gemeinschaft bedroht


Viele werden sich das gefragt haben, nachdem sie durch solche Sätze gemaßregelt wurden. Doch Gemeinschaften halten sich nicht durch Wahrheit sondern durch gemeinsame Zumutungen. Alle in dieser Gruppe haben gelernt, wann sie zu schweigen hatten und was sie für die Zugehörigkeit zu ertragen hatten, selbst wenn sie es noch nach Jahren nicht offen benennen können.


Wer klar sagt was ist, kündigt diese stillschweigenden Übereinkünfte über die „Leichen im Keller“. Er zeigt offen: „Ich trage das nicht mehr mit. Ein A ist ein A und ein B ist ein B.“ Solch ein Verhalten ist keine individuelle Entscheidung mehr. Sie wirkt beispielgebend für die Anderen.

Klarheit muss daher rechtzeitig isoliert werden damit sie nicht ansteckend wirkt. Wer isoliert wurde, hat also nichts Falsches getan sondern genau das Richtige, das auch für Andere funktionieren könnte.



Warum gilt dann Klarheit als Unreife?


Wer als Lebenshaltung zur Klarheit neigt, wird die Herabwürdigung kennen in Vorwürfen von mangelnder Empathie, sozialer Härte oder Tolpatschigkeit („Fettnäpfchentreffer“), mangelnder Differenzierung durch schwarz-weiß-Denken.


Wer sich dann quält in fragt, wie er nachreifen könne, wird lediglich eines feststellen: Ich habe nichts vereinfacht. Ich bin die Lügengeschichten im Vergleich mit den Tatsachen 100fach durchgegangen.


Wie gesagt, der Fehler liegt nie bei den Tatsachen. Die Gruppe verlagert den Fehler auf den der die Tatsachen ausspricht. Sie belohnt sozial nur eines: Relativierung von Fakten. Relativieren macht gesellig. Klarheit macht, als Selbstschutz der Gruppe, einsam.



Die stille Strafe


Wer denkt, mit Klarheit anderen zu helfen oder Gerechtigkeit herzustellen oder sie einfach um ihrer selbst liebt, wird weniger eingeladen, in Gruppengesprächen zum Beispiel durch rasche Themenwechsel schnell unschädlich gemacht, weniger wertschätzend angelächelt. Man muss das Kamel, das das Gras über den verbuddelten Skeletten abfrisst, nicht gleich direkt vor die Tür befördern. Man entzieht ihm die Resonanz. Isolierung ist für viele ein Warnschuss, weil damit eine Grundangst berührt wird: Alleine dazustehen.



Die Zahnpasta geht nicht in die Tube zurück


Was klar auf den Tisch gelegt wurde, kann dennoch nicht mehr in die Tube zurück. Mit Unschärfe kann man spielen. Klarheit jedoch lässt sich schwer vergessen. Sie ist kein Standpunkt sondern ein Zustand. Wer für sich Klarheit erreicht hat, müsste sich selbst verleugnen.


Klarheit fühlt sich sozial an wie ein Raum ohne Applaus. Doch ihr Raum bleibt attraktiv. Hier kostet das Sein nicht so viel wie die Zugehörigkeit zur Gruppe. Das macht sie ja für die Anderen so fürchterlich: Der klar bleibende Sprecher zeigt, dass Gemeinschaft eigentlich anders möglich wäre: ohne Verzerrungen, ohne den Druck mitzumachen und ohne die Furcht vor Abweichlern. Nach der Ächtung der Klarheit würde ein ganzes System, das durch die Mitmacher getragen wird, enden.


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1 Kommentar


mim
vor 5 Tagen

Vielen Dank für diesen (und auch schon andere) wunderbaren Artikel. Ich habe diesen Hang zur Klarheit und kann die Stigmata "du bist hart" oder "du bist egoistisch" nun einordnen und mich davon in Zukunft vielleicht weniger beeindrucken lassen. Zumal ich eigentlich sehr empathisch bin.

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