Der Ort, von dem Meister Eckhart spricht
- sabinebobert
- vor 2 Tagen
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Über existenzielle Sicherheit, ungebrochene Gegenwart und den Unterschied zu Evagrius
Es ist ein stiller Irrtum der Mystikrezeption, Meister Eckhart als jemanden zu lesen, der einen Weg beschreibt. Denn er beschreibt statt dessen einen Ort, und an diesem befindet er sich bereits. Für Eckhart ist dieser kein innerer Gipfel am Ende eines asketischen Aufstiegs sondern ein existentiell gesichertes Sein. Hier drängt nichts, auch nicht seine Sprache.
Um den Ort von Eckharts Metaphysik im Predigtgewand wirklich zu verstehen, sollte man auch seinen Lebensweg anschauen. Denn sein Denken passte strukturell dazu und spiegelt für ihn erfahrbare Grundüberzeugungen wieder. Eckharts Denken spricht aus einer ungewöhnlich stabilen Lebensform heraus.
Eckhart: Herkunft ohne Bruch
Meister Eckhart wurde um 1260 in Thüringen geboren, wahrscheinlich in eine niederadelige oder zumindest standessichere Familie ohne Mangel. Entscheidend ist nicht höfischer Reichtum sondern die Abwesenheit von existentieller Bedrohung. Wir finden bei Eckhart keinen biographischen Bruch, keine Flucht-, Verlust- oder Verfolgungsgeschichte, keine Armutserfahrung, keine soziale Entwurzelung. Sein Leben beginnt kohärent. Und es bleibt so.
Eckhart: Früher Eintritt in eine ordnende Institution
Eckharts Karriere ist damit besiegelt, dass er jung in den intellektuell anspruchsvollen Dominikanerorden eintritt. Das war keine romantische Askeseentscheidung sondern gleicht dem Eintritt in Yale oder Harvard. Es ist eine Entscheidung für eine Lebensarchitektur mit: materieller Grundsicherung, klar strukturiertem Tagesrhythmus, einem intellektuell hoch anspruchsvollen Umfeld, frei von Konkurrenzdruck um Besitz, Familie oder Status und mit lebenslanger Freistellung für Bildung. Das Entscheidende, was heutigen Fans seiner Mystik fehlt, sie aber gleichzeitig für sein System fasziniert: Eckhart musste nie um seinen Platz kämpfen.
Das Loslassen, von dem er später spricht, geschieht auf dem Boden einer Existenz, die nie festhalten musste.
Eckhart: Akademische Spitzenposition statt marginaler Mystik
Eckhart war kein Randmystiker, kein Einsiedler, kein Gegenkultur-Asket. Er zählte zur intellektuellen Elite seiner Zeit: Studium und Lehrtätigkeit an der Universität Paris, doppelter Magister-Titel (die höchste akademische Auszeichnung), leitende Funktion im Orden (als Provinzial, Vikar), mit Lehr-, Verwaltungs- und Predigtaufgaben mit anerkannter Autorität.
Eckhart lebte in Räumen, in denen Denken anerkannt war statt mit Publikationslisten zählbar gemacht zu werden oder Drittmitteln ökonomisch gerechtfertigt zu werden. Sprache hatte noch Gewicht. Sein musste nicht ständig legitimiert und als Projekt in dauernden Umbrüchen neu erfunden werden.
Das prägt den Ton seiner Mystik. Eckhart spricht von ´oben´ im Sinne von Sicherheit, nicht im Gestus der Überlegenheit.
Eckhart: Kein asketisches Krisenprojekt
Was in Eckharts Biographie auffällt, das ist das was fehlt. Es gibt keine Bekehrungsgeschichte, keine innere Umkehr nach Schuld, keine Phase spiritueller Zerrüttung, keine ´dunkle Nacht´ die er hinter sich hätte. Eckhart schreibt, im Unterschied zu vielen Mystikern, nicht rückblickend aus einer Krise sondern gegenwärtig aus einer Ruhe. Seine berühmten Aussagen wie zur Gelassenheit oder zur Leerheit antworten nicht auf innere Not sondern sie beschreiben einen Zustand, der nie dramatisch verloren ging.
Warum Eckhart keine Praxis braucht
Eckhart kann auf Praxis verzichten weil sein Leben nichts reaktiv abwehren oder heilen muss. Er lebt strukturell sicher, geistig anerkannt und institutionell geborgen. Er musste sein Denken nicht gegen Entwertung verteidigen, sein Selbst nicht vor Auflösung schützen und seinen Körper nicht dem Burnout entreißen.
Deshalb braucht er weder Übung noch ´Reinigung´ noch Stufen des Aufstiegs. Er denkt und formuliert von einem Ort her, den andere erst suchen: einen Ort, der die Grundsicherheit des Daseins rahmt. Eckhart spricht aus einer Selbstkohärenz heraus, die nicht erst errungen werden muss.
In seiner Mystik erscheint dieser Ort dann vor-psychologisch, vor-biografisch, vor-pädagogisch: Er ist ontologisch.
Ein Sein ohne Alarm
Eckharts Sätze kommen aus einem Dasein, das nicht unter Überlebensdruck steht. Es gibt hier weder Eile noch Notwendigkeit noch innere Gegner. Der Mensch, der hier spricht, muss seine Existenz nicht rechtfertigen. Seine Aufmerksamkeit wird nicht dauerhaft gestört. Es gibt keine Angst, dauerhaft zu verschwinden wenn man loslässt. Darum klingen seine berühmten Formeln faszinierend leicht – und schwer zugleich: „Gott wirkt ohne Warum.“
Das Dasein bleibt unschuldig, da es nicht ständig nach Gründen sucht, um bleiben zu dürfen. Ein Leben ´ohne Warum´ ist bei Eckhart kein heroischer Verzicht sondern die Beschreibung einer Lage, in der das Warum nie lebensnotwendig war. Eckhart spricht aus einem ruhenden In-der-Welt-Sein, in dem der Körper nicht verteidigt werden muss, das Denken keine Störung überdeckt und das Selbst nicht um Konturen ringen muss. Eckhart beschreibt den Menschen, der nicht fragmentiert ist.
Metaphysik statt Therapie
Deshalb taugt Eckharts Mystik nicht als Praxislehre. Sie ist Metaphysik im Predigtgewand. Sein Denken ist geschult an Aristoteles und Neuplatonismus. Er spricht aus einer Denkbewegung, in der Sein als actus, als Vollzug, verstanden wird. Sein ist kein Besitz sondern es ereignet sich, ohne Krise.
Die Nähe zu Plotin ist hier entscheidend. Das ´Eine´ verliert sich nicht wenn es sich mitteilt. Es bleibt. Eckharts Gott ist kein Beziehungspartner der etwas fordert. Er ist statt Gegenüber Grund. Ein Mensch, der aus diesem Grund spricht, muss nichts verhandeln.
Das erklärt die eigentümliche Kälte, die viele Lese-Menschen (inklusiv formuliert) empfinden und zugleich die brillante Freiheit. Eckharts Sprache bemüht sich nicht um Verwundete. Sie motiviert nicht zum Durchhalten sondern zum Bleiben.
Evagrius Ponticus (+399) als Gegenfigur
Evagrius, der ´frühe Meister Eckhart´ der Wüstenväter, setzt nicht im Grund ein sondern im Störfeld. Die Welt, die er beschreibt, ist von Logismoi bevölkert, die angreifen, zerstreuen und verführen. Die Menschen, für die er schreibt, sind nicht gesammelt sondern verzerrt bis zerrissen.
Wir finden Evagrius in einer völlig anderen biographischen Lage: voller politischer Instabilität, kirchlicher Konflikte, mit Flucht aus Konstantinopel in Lebensgefahr nach einer Affäre und anschließender langer Krankheit, Flucht in den Schutzraum der Wüste, permanentem Kampf mit Gedanken, Affekten und Begehren. Kurzum: Evagrius beginnt dort, wo Eckhart nie war: im inneren Durcheinander.
Evagrius´ Mystik ist Reparaturarbeit. Eckharts Mystik ist eine Seinsbeschreibung.
Evagrius spricht aus einer Existenz, die reguliert werden muss bevor sie ruhen kann. Seiner Askese fehlt metaphysische Eleganz und Eloquenz. Sie dient dem Überleben. Aufmerksamkeit muss trainiert werden, Affekte sollen erkannt werden. Der Körper ist ein Schauplatz und keine transparente Folie des Seins.
Da wo Eckhart sagt: „Lass Gott Gott sein“, lehrt Evagrius: „Achte auf den Gedanken, der dich von dir wegzieht“. Wo Eckhart gelassen ruht, dort arbeitet Evagrius. Dies ist kein Rangunterschied. Es sind unterschiedliche Orte. Und zwei Sprachen für zwei Orte.
Zwei Orte, zwei Sprachen
So zeitlos Eckharts Mystik also erscheint – mit dieser biographischen Verortung wird klar: sie ist weder zeitlos neutral noch allgemein zugänglich oder universell übertragbar. Sie ist wahr von einem Ort heraus: dem Ort einer existentiell gesicherten, kohärenten, nicht zerrissen traumatisierten Existenz, die Denken nicht als Überlebensmittel oder Job braucht. Das schmälert Eckharts Brillanz nicht. Aber es schützt uns davor, sie missbräuchlich zu verallgemeinern.
Eckhart spricht aus einer ontologischen Sicherheit heraus, Evagrius aus einer anthropologischen Gefährdung. Der eine beschreibt blauen Himmel. Der andere lotst Menschen durch Unwetter. Wer schnell zu Eckhart überspringt, macht leicht aus Ruhe eine Forderung und blendet heutige Gefährdungen als Ausgangslage aus.
Vor allem für traumatisierte Menschen ist dieser Hinweis entscheidend: Eckharts Sätze sind keine Anleitung sondern Zeugnisse. Sie gelten für (s)einen Ort, jedoch nicht für jede Lage. Sie werden sonst als lastende Zumutung oder falsches Maß missverstanden.
Der Ort, den Eckhart bewohnt
Annähernd lässt sich sein Ort so beschreiben: Ein Mensch wie Eckhart steht im Leben ohne um seinen Platz zu ringen. Er denkt ohne sich zu verlieren (zum Beispiel in leistungsbezogener Besoldung und Drittmittelanträgen). Er kann loslassen ohne zu verschwinden. An diesem Ort kann man sagen: „Ich bin leer“ - nicht als asketische Erfahrung sondern als erfahrbarer Zustand.
Eckhart spricht und lockt vom Ziel her. Evagrius spricht zu Survivern unten. Beide haben recht – in verschiedenen Wegphasen, jedoch nicht zur selben Zeit. Wo das Leben noch ruft: Halte dich fest!, darf man gern Evagrius zu Rate ziehen. Wo das Leben zur Ruhe kommt und einen trägt, dort erscheint Eckharts Ruf als strahlende Lösung: Halte dich nicht länger fest!

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