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Die neue Unschuld

Unschuld gilt als verloren sobald Gewalt ins Leben tritt. Zu Recht. Denn Gewalt zerstört Vertrauen, Naivität, Sorglosigkeit.


Doch es gibt eine zweite Unschuld, die nichts mit Reinheit zu tun hat und alles mit Erfahrung. Eine Unschuld nach der Moral.



Die moralische Überformung nach Gewalt


Nach Gewalt wird das Leben häufig moralisiert. Man prüft sich: War das richtig? War das klug? War das angemessen? Diese Moral ist nicht böse. Sie will schützen. Doch sie verlängert die Struktur der Gewalt: ständige Bewertung, ständige Rechtfertigung, ständiges Urteil. Das innere Tribunal bleibt bestehen auch wenn der äußere Zwang verschwunden ist.


Das Ende des Tribunals


Die neue Unschuld beginnt nicht mit Vergebung. Und nicht mit Verstehen. Sie beginnt dort, wo das Verfahren endet. Man tut etwas und verhandelt nicht mehr. Man entscheidet uns kommentiert es nicht. Nicht aus Gleichgültigkeit sondern aus Erschöpfung der Moral. Das Leben wird nicht unmoralisch. Es wird post-moralisch.



Unschuld als Schuldlosigkeit des Daseins


Diese Unschuld sagt nicht: „Alles ist erlaubt.“ Sie sagt: „Existenz bedarf keiner Rechtfertigung.“ Man darf sein ohne ständig zu prüfen, ob man richtig ist. Das ist keine Regression. Es ist eine späte Form der Reife. Eine Unschuld, die weiß, was sie hinter sich hat – und endlich aufhört, sich anzuklagen.



Der Körper als Maß


In dieser neuen Unschuld übernimmt der Körper eine stille Rolle. Nicht als Wahrheit, nicht als Instanz, sondern als Resonanz. Man spürt: Das passt. Das passt nicht. Ohne Urteil. Ohne Schuld.


Diese Orientierung ist unscheinbar aber erstaunlich zuverlässig.



Die Leichtigkeit ohne Naivität


Die neue Unschuld ist leicht aber nicht naiv. Sie kennt Gewalt. Sie kennt Brüche. Sie kennt Schuldzuschreibungen. Und sie entscheidet sich, nicht mehr darin zu leben. Das ist keine Vergebung der Gewalt. Es ist die Weigerung, das eigene Leben weiter zu verurteilen.



 
 
 

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