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Gefährliche Nähe, gesunde Nähe


Über zwei vollkommen verschiedene Arten, verbunden zu sein


Es gibt Nähe die einen anzieht. Und es gibt eine Nähe, die trägt. Von außen betrachtet sind sie verwechselbar, doch von innen her erlebt könnten sie kaum verschiedener sein. Die gefährliche Nähe beginnt selten mit Schmerz. Sie lockt meist mit Bedeutung. Sie vermittelt einem das Gefühl, dass etwas zählt und dass diese Begegnung mehr sei als als andere. Doch schon der Anfang enthält etwas von Dringlichkeit: dass hier etwas auf dem Spiel stehe sodass die Beziehung schwerer wiegt.


Gesunde Nähe entfaltet sich nmeist unscheinbar, wie beiläufig. Sie bannt keine Aufmerksamkeit und stellt nichts Großes vor. Wer gefährliche Nähe erlebte, übersieht die gesunde daher leicht.



Die Dramaturgie der gefährlichen Nähe


Gefährliche Nähe ist eine Beziehung mit Dramaturgie. Sie entfaltet sich nicht, sie ereignet sich. Etwas wird eröffnet. Etwas bleibt unklar. Etwas zieht sich zurück. Etwas kehrt zurück. Mit jedem dieser Akte wächst nicht Sicherheit sondern Bedeutung.


Aufmerksamkeit wird fixiert: Man beginnt, genauer hinzuhören, feiner zu lesen, Pausen auszudeuten. Man wohnt zwischen den Zeilen. Gefährliche Nähe nötigt zum inneren Kreisen. Man versteht viel, erklärt viel, vor allem sich selbst. Man wird hochreflektiert, und je mehr man erklärt desto weniger spürt man.



Bedeutung ohne Halt


Gefährliche Nähe beginnt nicht grausam. Sie liefert Bedeutung ohne Halt. Man fühlt sich gemeint aber nicht gehalten. Das Gesehenwerden ist nicht sicher. Das Gewähltsein wirkt austauschbar. Diese Nähe hält wach und lässt einen keine Ruhe finden. Sie bindet einen – doch nicht über Vertrauen sondern über Relevanz. Man fragt sich: Bin ich wichtig genug? Bin ich überhaupt genug?


Da diese Fragen offen bleiben, bleiben sie lebendig. Sie halten die Beziehung am Laufen, jedoch nicht für vertieftes Vertrauen sondern im Kreis der Dauerreflexion.



Wenn Nähe Arbeit erfordert


Das Kreisen ist das beste Warnsignal am Anfang. Der Kontakt erfüllt nicht sondern fordert Arbeit. Gedanken sind aufzuarbeiten und der Körper findet keine Ruhe. Es tobt ein innerer Lärm. Man geht Gespräche durch, ob etwas gefehlt hat. Man scannt nach Fehlern. Nähe wird zur inneren Arbeit, nicht weil man zu kompliziert ist. Sondern weil schon der Anfang bodenlos ist. Er trägt einen nicht.


Gesunder Nähe fehlt das Drama


Sie ist ereignisarm. Der Spannungsbogen fehlt, da sie nicht auf Entzug setzt. Sie muss weder etwas beweisen noch intensiv sein. Für Menschen die Intensität des Dramas mit Lebendigkeit verwechseln, denen Bedeutung wichtiger als Ruhe erscheint, wirken solche Kontakte fade. Es ist eine Beziehung ohne Glanzlichter und Highlights. Sie fühlt sich einfach an wie: jemand ist da.



Die Körperfrage


Den Unterschied spürt zuerst der Körper, nicht das Daken. Dramatische Nähe entfernt einen von sich selbst. Sie erzeugt innere Arbeit und Anspannung. Gesunde Nähe lässt einen bei sich ankommen. Man wird stiller, einfacher, gesammelt. Sie überwältigt nicht und winkt nicht mit Euphorie. Sie darf nachhallen aber auch vergessen werden weil nichts offenbleibt.



Nähe ohne Rätsel


Dramatische Nähe weckt Fragen. Gesunde Nähe ist fraglos da. Man muss nicht rätseln woran man ist oder darlegen warum man wie ist. Ein Nein wirkt ungefährlich. Gesunde Nähe gibt klare Information anstelle von Spannungsbogen mit open end.



Warum gesunde Nähe oft übersehen wird


Wer in Dramen beheimatet wurde, verwechselt Sicherheit mit Leere. Das Fehlen von Drama erscheint bedeutungslos. Begegnungen, bei denen nichts auf dem Spiel steht, wirken wenig attraktiv. Ihre Ruhe und Langsamkeit wirkt fremd. Man fragt sich: Ist das alles? Ja. Das ist alles. Und genau dies trägt.



Nähe, die nichts will


Gesunde Nähe will einen nicht umformen. Sie erlaubt statt zu fordern oder zu retten. Man ist da ohne sich zu beweisen und man geht, wann man geht. Sie verspricht keine größere Bedeutung über das hinaus was da ist und gerade deshalb überlebt sie.


Gefährliche Nähe bindet über verheißene Bedeutung. Gesunde Nähe bindet durch die Gegenwart selbst. Jene lässt uns rätseln: Bin ich genug? Die andere vermittelt uns: Hier ist jemand einfach da. Bedeutung und Drama enden in Verstrickung. Ein Mensch der einfach da ist, eröffnet Beziehung.


 
 
 

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