top of page

Rechtfertigung ohne Gericht – oder: Was geschieht, wenn Gott nicht mehr prüft (Theologischer Essay)

Die Rechtfertigungslehre entstand in einer Welt, in der Gott als Richter gedacht wurde. Nicht metaphorisch. Nicht pädagogisch. Sondern real. Der Mensch stand vor Gott wie vor einem Tribunal. Sein Leben war eine Akte. Seine Handlungen Beweismaterial.


In dieser Welt war Rechtfertigung ein Befreiungsschlag. Als Martin Luther sagte, dass der Mensch nicht durch Werke gerecht werde sondern aus Gnade, entzog er diesem Gericht den Boden. Der Mensch musste nichts mehr vorweisen. Er durfte leben bevor er handelte.


Das war keine innere Erfahrung. Es war eine Verschiebung der Wirklichkeit. Doch jede Theologie spricht zu bestimmten Menschen. Und diese haben sich verändert.



Das Gericht hat nur den Ort gewechselt



Heute erleben viele Gott nicht mehr als Richter. Oft erleben sie ihn gar nicht. Und doch ist das Gerichte geblieben. Es hat nur den Ort gewechselt. Der Mensch steht nicht mehr vor Gott. Er steht vor sich selbst. Vor einem inneren Maßstab, der keine Stimme hat und doch unnachgiebig ist. Rechtfertigung trifft hier ins Leere.


Viele Menschen wissen sich nicht schuldig. Sie wissen sich fraglich. Sie fragen nicht: Wie kann ich bestehen? Sondern: Bin ich überhaupt gemeint? Vielleicht ist das der Punkt, an dem Rechtfertigung theologisch neu gedacht werden muss. Nicht als Freispruch vor einem Gericht. Sondern als Auflösung des Gerichts selbst. Nicht: Du bist gerechtfertigt. Sondern: Du stehst nicht unter Anklage. Nicht einmal vor Gott.



Ein Leben ohne Rechtfertigungsbedarf


Dann wäre Gott nicht mehr der, der Rechtfertigung ausspricht, sondern der, in dessen Gegenwart Rechtfertigen aufhört. Theologisch wäre das kein Verlust. Es wäre eine Radikalisierung. Denn Gott wäre dann nicht mehr die letzte Instanz der Bewertung sondern der Ort, an dem Bewertung endet.


Vielleicht ist das die tiefste Pointe der paulinischen Freiheit: nicht freigesprochen zu werden sondern nicht mehr angeklagt zu sein.

 
 
 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
Der Ort, von dem Meister Eckhart spricht

Über existenzielle Sicherheit, ungebrochene Gegenwart und den Unterschied zu Evagrius Es ist ein stiller Irrtum der Mystikrezeption, Meister Eckhart als jemanden zu lesen, der einen Weg beschreibt . D

 
 
 
Mystik-Salon Abende 2026 zu meinen neuen Büchern 2026

Wofür ich stehe: „Ich arbeite mit Leben ohne Deadline.“ „Nicht alles im Leben ist ein Projekt mit Abgabefrist.“ „Manche Menschen leben nicht im Kalender, sondern im Körper.“ „Gegenwart ist kein Moment

 
 
 
Die Kultur der Zumutung

Warum das Leid nicht im Menschen sitzt Es gibt eine stille Verschiebung, die kaum jemand bemerkt. Sie hat nichts mit Ideologien zu tun, nichts mit Moral oder persönlichem Versagen. Sie gedeiht darin,

 
 
 

Kommentare


bottom of page