Warum die meisten Menschen nicht aufwachen
- sabinebobert
- 4. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Aufwachen ist kein Erkenntnisprozess
Ein Vorurteil lautet: Menschen wachen nicht auf, weil sie zu bequem, angepasst oder mit Mittelmaß zufrieden sind. Diese Antwort gibt aus meiner Sicht den Falschen die Schuld. Aus meiner Beobachtung wachen die meisten nicht auf, weil sie strukturell dabei auf zuviel Widerstände stoßen. Aufwachen ist in dieser Kultur kein tragfähiger Zustand.
Aufwachen hat wenig mit Nachdenken oder Lesen zu tun. Es bedeutet, sich selbst nicht mehr zu verlassen. Und genau das ist in einer Kultur gefährlich, die auf Selbstverlassen angewiesen ist. Arbeitsverhältnisse brauchen Fragmentierung. Beziehungsmuster fordern Kompromissidentitäten. Hohe Zeittaktung erfordert Abspaltung vom Körper. Zugehörigkeit zu Gruppen fordert Lesbarkeit.
Ein ganzer Mensch ist zu langsam, zu eigen und zu wenig steuerbar.
Die Kultur bietet keine Zwischenform
Unsere Gesellschaft produziert bzw. unterstützt drei stabile Zustände: Funktionieren, Zusammenbrechen, Pathologisierung. Doch für Ganzheit gibt es keine soziale Form. Sie wird weder durch Rituale begleitet noch erhält sie Schutzräume.
Die Kultur bezahlt Nicht-Aufwachen mit Status, mit Zugehörigkeit, mit Sicherheit und mit Sinn-Narrativen.
Sie bestraft Aufwachen mit Vereinzelung, ökonomischem Risiko, mit subtiler sozialer Kälte und eventuell auch mit psychologischer Pathologisierung.
Aufwachen ohne Schutzräume und Übergänge fühlt sich an wie ein Absturz ohne Geländer.
Der Körper entscheidet gegen Wahrheit
Der Körper fragt nicht: Ist das wahr? sondern Ist das überlebbar? Wenn Wahrheit in soziale Isolation, ökonomische Unsicherheit oder den Verlust von Zugehörigkeit führt, entscheidet er sich meist gegen Wahrheit.
Ich beobachte oft Notlösungen wie diffuse Angst, Depression, Dauererschöpfung oder chronische Erkrankung, wenn Menschen in der diffusen Aufwachzone steckenbleiben. Dies sind keine Defizite sondern Notlösungen.
Sie erlauben, langsamer zu werden ohne zu widersprechen, auszusteigen ohne zu gehen, nein zu sagen ohne es auszusprechen. Krankheit wird zur sozial akzeptierten Form des Widerstandes.
Warum der Preis trotzdem gezahlt wird
Der Preis des Bleibens ist hoch. Menschen dulden Zerrissenheit, Außensteuerung, mentale Verwirrung, frühe Erkrankung bis zur verkürzten Lebenszeit. Doch dieser Preis ist verteilt, er schleichend an. Das System verteilt ihn auf die Individuen und sie erleben ihn meist in medizinierter Form.
Der Preis des Aufwachens hingegen ist konzentriert. Er fällt jetzt an. Und es winkt eine Lebensform ohne funktionierende Modelle und Absicherung dass sie gelingt.
Darum wählen viele ihr bereits bekanntes Leid.
Die meisten Menschen sind nicht zu schwach für die Wahrheit. Sie sind zu allein dafür.
Aufwachen scheitert nicht an Einsicht sondern an fehlender Tragfähigkeit.
Die unbequeme Schlussfolgerung
Solange diese Kultur Ganzheit nicht trägt, wird Aufwachen ein Randphänomen bleiben. Nicht weil es falsch ist sondern weil es nicht vorgesehen ist. Wer dennoch aufwacht, tut es oft nicht aus Mut sondern weil es ihm unmöglich geworden ist, sich weiter zu verlassen.

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