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Warum Fortschritt kein Zeitbegriff ist


(Essay zu meinem Buch über ZEIT-Erleben. Erscheint 2026)


Der Begriff 'Fortschritt' gehört zu den mächtigsten Selbstverständlichkeiten der Moderne. Kaum etwas wird so selten hinterfragt und gleichzeitig bis zum Verschleiß benutzt. ´Fortschritt´ gilt als wegweisender Richtunggeber voller Versprechen. Vor allem aber wirkt er als steuernder Begriff. Das pure Namedropping suggeriert, Zeit gehe voran. Und diese Bewegung erzeuge fortschreitenden Fortschritt.


Doch genau darin liegt der Denkfehler. Denn ´Fortschritt´ ist kein Zeitbegriff, sondern ein Bewertungsbegriff, der sich der Zeit bemächtigt.



Zeit vergeht, Fortschritt urteilt


Zeit fließt, steht, dehnt sich, verdichtet sich, reißt ab. Fortschritt hingegen geschieht nicht sondern urteilt. Er sagt auch nicht, dass etwas geschieht, statt dessen aber wie es zu bewerten sei. Ist es ´besser´, ´weiter´, ´höher´, ´effizienter´?


Zeit selbst kennt kein ´besser´. Sie kennt nur den Wandel. Fortschritt hingegen kommt daher mit einer Skala, auf der Veränderungen sortierbar werden. Was auf der Skala im ´höher-besser´-Bereich landet, gilt als zeitgemäß. Was weit unten verbleibt, sei ´rückständig´.


Wer von ´Fortschritt´ spricht, der hat kein neutrales Zeitverständnis sondern trägt und verpässt anderen eine normative Brille.



Die Verwechselung von Richtung und Sinn


Dass Zeit in Richtungen strömt, vom früher zum später, das ist trivial. Doch dieses Strömen muss keinen Sinn ergeben, sowenig wie bei Ebbe und Flut. Doch Fortschrittswerter tun genau das: Sie verbinden Strömen mit Bedeutung. Das Jetzige sei besser, das Neue überlegen und Beschleunigung bringe Gewinn. Diese Verwechselung ist, historisch betrachtet, jung. Vormoderne Kulturen lebten in zyklischen, rituellen und qualitativen Zeiten.


Erst die Moderne konstruiert Zeit als Linie. Und setzt auf die Linie noch als zweites Stockwerk die Moral darauf. Wer sich nicht linientreu bewegt, mit der erwarteten Beschleunigung, der wirkt zurückgeblieben. Und wer am besseren Fortschreiten zweifelt, der blockiert. Wer es liebt, innezuhalten, der steht im Weg.



Fortschritt ist nur eine Erzählung (Narrativ)


Niemand erlebt ´Fortschritt´ so real wie Ebbe und Flut, Tag und Nacht oder die Jahreszeiten. Zum alltäglichen Erleben zählen Müdigkeit, Beschleunigung oder Arbeitszeit-Verdichtung. Erlebbar sind Überfordertsein oder Pausenzeiten mit gelegentlicher Erleichterung. Doch ´Fortschritt´ selbst ist nicht erfahrbar. Er existiert nur als Erzählung (Narrativ) über Zeit.

Der Mythos vom beschleunigten Besser funktioniert als Hintergrundrauschen. Er legitimiert Opfer, die von den Beschleunigten und aus den Rhythmen Entwurzelten zu erbringen sind. „Das ist der Preis des Fortschritts.“ Er entwertet die Verluste: „Das ist nunmal der Lauf der Zeit.“ Er verschiebt die Verantwortung für die Zeitbeben und Verwerfungen natürlicher Rhythmen.


Der Fortschrittsdiskurs schwebt weit über dem konkreten Leben und realen Zeiterleben. Er ist ein abstrakter Pfeil wie auf einer Konstruktionszeichnung und will die echten Lebenszyklen verschwinden lassen.



Die Gewalt des Fortschrittsbegriffs


Weil Fortschritt nicht als Begriff, Konstrukt sondern als Realität (wie im Nominalismus-Streit) gepredigt wird, soll Widerstand gegen die durch ihn moralisch legitimierte Bewegung als irrational gelten. Wer mit ihm debattiert, gilt nicht als anderer Meinung sondern als zeitlich falsch.


So wird der Zeit-Diskurs zur Waffe. Nicht Menschen selbst entscheiden über ihr eigenes Maß und Tempo (oder ihre Entschleunigung) sondern ´die Zeit selbst´. Ein Satz wie: „Man kann die Zeit nicht zurückdrehen´ soll jede Kritik vom Tisch fegen.

Doch Zeit dreht sich gar nicht. Sie wird kulturell getaktet ####



Beschleunigung ist kein Zeitgewinn


Der von mir geschätzte Philosoph Paul Virilio schaute genau hin. Er verband seine Beobachtungen über die Entwicklung von Transportmitteln seit der Eisenbahn und Kommunikationsmitteln seit dem Telegraphen mit einer Theorie zu Verschiebungen im menschlichen Zeiterleben. Er nannte seine Theorie dazu „Dromologie“ (Lehre vom Lauf der Zeit bzw. ihres beschleunigten Erlebens).


Er ist überzeugt, dass moderne Gesellschaften nicht vom Fortschritt, sondern von einem beschleunigt getakteten Leben bestimmt sind. Die erhöhte Taktung wird dabei mit Entwicklung verwechselt (was bei beschleunigtem Hinsehen schnell passieren kann – Scherz am Rande).

Doch Beschleunigung erzeugt keine neue Zeit. Sie verdichtet bis pulverisiert sie. Sie raubt Erleben die Tiefe. Alles wird zwar schneller verfügbar (Informationen, Transportgüter) und zugleich flüchtiger. Virilio nennt den Endpunkt „Fluchtgeschwindigkeit“ im Sinne eines Herauskatapultiertseins aus natürlichen Lebenszyklen und Bezügen.

Was verschwindet, so Virilio, sei nicht die Zeit selbst. Sondern das menschliche Gegenwärtigsein zu ihr.



Fortschritt tilgt das Jetzt


Fortschritt manipuliert durch Zukunftsphantasien. Das Jetzt sei stets ungenügend. Es wird ein Transitort und darf nie Ankunft sein. Sinn liegt stets im Später.

Damit entwertet der Fortschrittsbegriff quasi chronisch die Gegenwart. Ein Leben im Jetzt bleibt provisorisch und das jetzige Handeln nur ein Übergang.

Doch Zeit geschieht nur Jetzt. Wer den Augenblick entwertet, entwertet nicht nur die Zeit sondern das eigene Leben, das sich hier und jetzt vollzieht.



Eine andere Dichte: Zeit statt Richtung


Denker wie Walter Benjamin haben gezeigt, dass Zeit nicht linear verstanden werden muss. Benjamin sprach von einer „Jetztzeit“, die sich verdichtet, auflädt und aufbrechen kann. Sie benötigt kein Fortschrittsnarrativ.

Die Zeit kann stillstehen, sich sammeln, sich öffnen. Sie kann heilend sein oder zerstörerisch wirken. Doch sie ist niemals automatisch sinngeladen oder sinnvoll.

Sinn ergibt sich auch nicht durch ein Voranschreiten. Sinn bedarf der Aufmerksamkeit.



Fortschritt als Ersatzreligion


Wo religiöse oder metaphysische Sinnsysteme erodiert sind, werden sie durch Moralsysteme und Fiktionen wie die vom Fortschritt ersetzt. Er ist die neue Retterfigur. Er verspricht Erlösung in der Zukunft: durch mehr Wissen, mehr Technik, noch mehr Kontrolle oder mehr Wahlmöglichkeiten.

Sein Versprechen darf, jeweils gegenwärtig, unerfüllt bleiben. Im Ausbleiben liegt ja sein Motor. Denn sobald ein Ziel erreicht ist, wird es Teil der Mangellogik. Denn das Jetzt reicht nie.

Fortschritt ist kein Zeitbegriff sondern eine Eschatologie (Lehre vom künftigen Heil, ´eschatos´ heisst ´Ende, letzte Dinge´) ohne Ende.



Was bleibt?


Zeit ist kein Projekt. Sie muss weder verbessert werden noch bedarf sie verdichtender Taktung bis zum Pulverisieren von Erleben von Gegenwärtigsein, Jetzt-Zeit. Der Fortschritts-Narrativ hat sich der großen Lebenszyklen bemächtigt, um sie in Pfeilgestalt neu auszurichten. Er belastet durch den Druck als sei Leben dazu da, dass es irgendwo ankommen müsse. Er ist eine Bewertungsskala mit hoher moralischer Aufladung, an der sich die einzelnen mit ihren Lebensvollzügen legitimieren müssen.

Wer den Fortschrittsdiskurs naturalisiert und mit Zeit verwechselt, verliert den Zugang zur Gegenwart. Und umgekehrt gilt: Wer Zeit wieder als Erfahrungsraum begreift, entzieht sich dem moralischen Druck.

Zeit geschieht.

Fortschritt behauptet.

Und zwischen beidem entscheidet sich, ob Leben noch gelebt wird oder nur noch mit beschleunigtem Takt verwaltet ist.


 
 
 

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