Warum Überleben kein Verrat ist. Gespräch mit Arno Gruen
- sabinebobert
- 26. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Der Ausdruck „Verrat am Selbst“ wie ihn Arno Gruen geprägt hat, trifft etwas Schmerzhaftes: Menschen verlieren unter Gewaltbedingungen den Kontakt zu sich selbst. Sie funktionieren, passen sich an, verriegeln Wahrnehmung und Empfinden. Doch genau hier beginnt ein begriffliches Problem, das weitreichende Folgen hat.
Denn Verrat ist ein moralischer Begriff. Er setzt Freiheit voraus. Wer verrät, hätte anders handeln können. Verrat impliziert Distanz, Überblick, Wahl. Genau diese Voraussetzungen sind unter realen Gewaltbedingungen jedoch nicht gegeben.
Ein Mensch, der in einem Gefahrenraum lebt – sei es in einer Familie, einer Institution, einer Gruppe oder einer ökonomischen Abhängigkeit – befindet sich nicht in einem Raum der Wahrheit, sondern in einem Raum der Sicherung. Das Nervensystem ist nicht auf Authentizität eingestellt sondern auf Gefahrenabwehr. Es geht nicht darum, sich treu zu bleiben sondern darum zu bleiben.
In solchen Situationen gibt es kein freies Subjekt, das sich entschließt, sich selbst preiszugeben. Was geschieht, ist etwas anderes: Subjektivität zieht sich zurück. Wahrnehmung wird gedämpft, Empfindung fragmentiert, Identität wird funktional. Nicht aus Feigheit, nicht aus moralischem Versagen sondern aus Notwendigkeit.
Ein Entführungsopfer verrät nichts wenn es kooperiert. Ein Kind verrät sich nicht wenn es loyal zu zerstörerischen Bezugspersonen bleibt. Ein Mensch verrät sich nicht wenn Anpassung die einzige verfügbare Lebensform ist.
Der Verratsdiskurs verschiebt Verantwortung. Er verlagert sie von den Gewaltverhältnissen auf die inneren Anpassungsleistungen der Betroffenen. Was als Schutz entstanden ist, wird nachträglich moralisiert. Aus Überleben wird Schuld.
Freiheit ist unter Gewalt kein Besitz. Sie ist ein späterer Zustand. Sie entsteht dort, wo Sicherheit zurückkehrt, wo Zeit wieder verfügbar wird, wo der Körper aus dem Alarmzustand kommt. Erst dann kann sich ein Selbst wieder zeigen, das wahrnehmen, fühlen, wollen kann.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Warum habe ich mich verraten?
Sondern: Wann und wie wurde Selbststeuerung wieder möglich?
Eine zeitgemäße Anthropologie (Lehre vom Menschen) muss Freiheit zeitlich denken. Sie muss anerkennen, dass es Phasen gibt, in denen Subjektivität suspendiert (von einer Verpflichtung befreien) ist – und dass genau diese Suspendierung Leben retten kann.

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