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Wenn Ordnung nichts mehr ordnet


Ein Essay in langsamen Bewegungen



I. Ankunft


Es gibt Zeiten, in denen man nicht mehr widerspricht. Dies nicht aus Müdigkeit oder Zustimmung. Sondern weil der Widerspruch keinen Adressaten mehr findet. Man schaut hin und merkt: Das was da ist, richtet sich nicht mehr an mich. Nicht in feindlicher Weise, nicht laut. Es ist ein einfaches "nicht mehr".



II. Die leise Verschiebung


Ordnung ist noch da. Sie hat sich nicht aufgelöst. Zeichen stehen. Lichter leuchten. Formen wiederholen sich. Aber etwas hat sich verschoben. Die Ordnung greift nicht mehr. Sie ordnet nicht. Sie zeigt sich nur noch. Sie wirkt wie eine Sprache, die weiter gesprochen wird, obgleich niemand mehr da ist, der antwortet.



III. Kein PRotest


In solchen Momenten empört man sich nicht. Man lacht nicht, und man klagt nicht an. Man wird still. Nicht aus Resignation heraus, sondern aus Aufmerksamkeit. Denn etwas beginnt sichtbar zu werden, das einst im Hintergrund getragen hat und nun vor Augen liegt.



IV. Die Rückkehr des Ortes


Wenn Bedeutung entschwindet, tritt etwas anderes hervor. Der Ort. Nicht als Kulisse. Nicht als Symbol. Sondern als das, was da ist, ohne etwas zu wollen. Man spürt den Boden. Das Licht. Den Abstand. Nicht als Information, sondern als Nähe. Der Ort sagt nichts. Er meint nichts. Er ist.



V. Entlastung


Vielleicht ist das der erste Moment seit Langem, in dem man selbst nichts mehr leisten muss. Man muss nicht verstehen. Nicht deuten. Nicht antworten. Man darf bleiben ohne gefragt zu sein.



VI. Über die Müdigkeit durch Bedeutung


Wir haben uns daran gewöhnt, alles zu lesen. Orte. Gesichter. Stimmungen. Alles trägt Bedeutung. Alles will etwas sagen. Das macht reich. Und es ermüdet. Denn Bedeutung bindet. Sie hält fest. Sie fordert Aufmerksamkeit ein. Man kann sich an Bedeutung erschöpfen. Nicht weil sie leer wäre. Sondern weil sie zuviel geworden ist.



VII. Sinnerschöpfung


Vielleicht leben wir nicht in einer Sinnkrise. Vielleicht leben wir in einer Sinnerschöpfung. Alles meint. Alles spricht. Alles ruft. Und irgendwann entsteht die Sehnsucht nach etwas, das nichts meint. Nicht leer. Nicht banal. Nur: nicht gemeint.




VIII. Das Unverlangte


So beginnt das Unverlangte. Nicht als Idee. Nicht als Konzept. Als Zustand. Ein Raum, in dem nichts etwas von uns will. Keine Antwort. Keine Haltung. Keine Entscheidung. Man ist da und wird nicht gebraucht. Das ist ungewöhnlich. Und genau darin liegt seine Ruhe.



IX. Nicht gemeint sein


Wir sind es gewohnt, gemeint zu sein. Als Zielgruppe. Als Subjekt. Als Stimme. Das Unverlangte nimmt uns diese Rolle. Nicht als Abwertung. Als Entlastung. Man darf sitzen bleiben. Oder gehen. Beides zählt nichts und genau das macht es leicht.



XJ. Über Unbeteiligtheit


Unbeteiligtheit hat einen schlechten Ruf. Sie gilt als kalt. Als fern. Als gleichgültig. Aber es gibt eine andere Unbeteiligtheit. Eine, die nichts abwehrt und nichts fordert. Sie sagt nicht: Das geht mich nichts an. Sie sagt: Ich muss nicht antworten.



XI. Schonung


In einer Welt, die uns ständig anspricht, ist das kein Mangel. Es ist Schonung. Schonung der Wahrnehmung. Schonung der Aufmerksamkeit. Man darf fühlen ohne zu handeln. Man darf sehen ohne einzuordnen.



XII. Über das Künstliche


Manchmal wird sichtbar wie künstlich die Ordnung ist. Nicht falsch, nicht böse. Nur: gemacht. Künstliche Ordnung kommentiert die Welt. Sie legt sich über sie wie eine zweite Haut. Doch wenn sie ihre Wirkung verliert, tritt etwas anderes hervor.



XIII. Ruhe jenseits von Gestaltung


Nicht Natur gegen Kultur. Sondern Ruhe jenseits von Gestaltung. Eine Ruhe, die nicht hergestellt wird. Sie ist da, wenn man nichts mehr reguliert. Man muss sie nicht suchen. Man muss sie nur nicht überdecken.



XIV. Gebannt


Vielleicht ist das der Grund, warum man manchmal gebannt schaut. Nicht aus Kritik. Nicht aus Ironie. Sondern weil man Zeuge wird eines Übergangs. Die Zeichen stehen noch. Die Ordnung bleibt sichtbar. Aber etwas antwortet nicht mehr.




XV. Orte, die nicht speichern


Und dann gibt es Orte, die nichts behalten wollen. Keine Geschichte. Keine Erinnerung. Man ist dort. Und dann geht man. Nichts haftet. Nichts fordert Dauer. Diese Orte wirken leer. Bis man merkt: Sie lassen Gegenwart sein.



XVI. Nichts Mitnehmen


Wir sind es gewohnt, alles mitzunehmen. Bilder. Erlebnisse. Bedeutungen. Aber es gibt eine andere Form von Gegenwart. Eine, die nichts behalten will. Man ist da. Und das reicht.



XVII. Späte Ruhe


Vielleicht ist das die späte Ruhe unserer Zeit. Nicht neue Ordnungen. Nicht neue Bedeutungen. Sondern ein Moment, in dem Ordnung nichts mehr ordnet und Bedeutung schweigt. Der Ort bleibt. Und wir für einen Augenblick auch.



XVIII. Abschluss


Man kann das beunruhigend finden. Oder tröstlich. Vielleicht ist es beides. Aber vielleicht ist es vor allem eine Einladung, die nichts fordert. Und genau deshalb angenommen werden kann.

 
 
 

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