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Zwischen Sinn und Stille. Evagrius und Frankl antworten auf Leid

Aktualisiert: vor 5 Tagen

Victor Frankl und Evagrius (+344) im Widerstreit


Kaum ein Gedanke hat das 20. Jahrhundert so tröstlich durchzogen wie die Behauptung, dass der Mensch Sinn brauche. Viktor Frankl hat diese Überzeugung geprägt wie kaum ein anderer. Nach Auschwitz, dem radikalen Zivilisationsabbruch, bestand er darauf:


Der Mensch kann alles verlieren, nur nicht die Freiheit, dem Leiden Sinn zu verleihen.


Dieser Gedanke ist stark. Er hat Generationen von Intellektuellen getragen. Und doch wächst - bei genauem Hinhören - eine leise Spannung.



FranklS Stärke: Sinn als Überlebensform


Frankls Denken ist zutiefst existentiell. Sinn ist für ihn kein theoretischer Begriff sondern Lebensnotwendigkeit. Sinn gewährt Orientierung im Leiden, eine innere Haltung, gebiert Verantwortung und prägt Antworten auf das Leben. Er fragt nicht: Was erwarte ich vom Leben? sondern: Was erwartet das Leben von mir? Das ist ermöglicht Würde und wirkt oft lebensrettend.


Die implizite Annahme


Frankl setzt jedoch stillschweigend etwas voraus: dass der Mensch Sinn finden kann, auch in Extremsituationen. Dass Sinn selbst dann noch tragfähig, orientierend und ordnend wirkt. Frankl setzt jedoch stillschweigend etwas voraus: dass der Mensch Sinn finden kann, auch im Extrem. Dass Sinn tragfähig, orientierend und ordnen wirkt.


Sinn ist in Frankls Verständnis kein Zielpunkt sondern ein Bezugspunkt. Genau hier geht Evagrius andere Wege.



Evagrius´ Misstrauen gebenüber Sinn


Evagrius fragt nicht nach Sinn. Dies nicht, weil er ihn leugnen würde. Vielmehr weil er wiß, wie leicht einen Sinn bindet. Evagrius verdächtigt jede innere Erklärung, auch eine tröstende. Er fragt nicht: Warum leide ich? sondern: Was vollzieht sich in meinem Geist während ich leide?


Darin entscheidet sich für ihn alles. Frankl weist dem Geist eine Richtung. Evagrius geht es ums Bleiben.



Sinn als subtile Aktivität


Aus Evagrius´ Sicht zählt Sinn zur Kategorie von Bedeutungen, Ordnungen und Deutungen. Jede Deutung bindet die Aufmerksamkeit. Auch wunderschöne, "höhere" Gedanken können den Geist beschäftigen, stabilisieren, festhalten. Evagrius würde es so formulieren:


Auch Sinn kann ein logismos sein. Auch wenn er wahr ist, bindet er.



Zwei Antworten auf das Leid


Man könnte den Unterschied wie folgt zuspitzen:


Frankl fragt danach: Wie kann der Mensch im Leiden Mensch bleiben?

Evagrius fragt: Was geschieht im Menschen, wenn er im Leiden nichts mehr erklärt?


Frankl stärkt das Ich. Evagrius lässt es still werden. Beides ist gleichwertig. Beides hat seinen Ort.



Wann Frankl trägt - und wann nicht mehr


Frankls Sinnkonzept ist kraftvoll in akuten Extremsituationen, wenn es ums Überleben geht, ebenso in Verwantwortungssituationen. Es schenkt dort Halt, wo sonst Verzweiflung wäre. Es gerät an Grenzen bei tiefer Erschöpfung, bei chronischem inneren Druck, bei Fragmentierung sowie dort, wo selbst jede Deutung zur Last gerät. Dann trägt nicht mehr der Sinn, sondern er wird zur Aufgabe. Der Mensch ermüdet daran.



Evagrius jenseits von Sinn


Evagrius bietet keinen Sinn. Er schenkt Entlastung. Er meint nicht: Das hier ist sinnlos. Sondern: Das hier darf da sein, ohne erklärt zu werden.


Damit verneint er nicht den Logos. Sondern er suspendiert ihn. Der Geist wird nicht darauf ausgerichtet sondern von ihm freigegeben.



Logos anders gelesen


Frankls Logos ist voller Bedeutung, eine Aufgabe und Antwort.


Evagrius´ Logos verbleibt näher am johanneischen Sinn: Sammlung, Klarheit, Durchlässigkeit. Er fragt nicht: Was bedeutet das? sondern: Was bleibt, wenn nichts mehr bedeutsam oder gedeutet werden muss?



Warum Frankl so beliebt bleibt


Frankl verleiht Würde, schenkt Sprache, weist Richtung.


Evagrius hält sich genau hier zurück. Das macht ihn schwer vermittelbar in einer Kultur, die Sinn als letzte Ressource braucht.


Frankl rettet den Menschen durch Sinn. Evagrius rettet ihn vom Zwang, Sinn entdecken zu müssen.



Pointiert:


Sinn hält Aufrecht.

Stille entlastet.

Und manchmal reicht eine Entlastung tiefer als jede Bedeutung.


 
 
 

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