Über den Kulturgeist der 1970er Jahre und Machtästhetik
- sabinebobert
- 22. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 26. Dez. 2025
Über den Kulturgeist der 1970er Jahre und die Verhärtung der Gegenwart
Manchmal merkt man erst spät, dass man in einer anderen Welt gelebt hat. Dies nicht, weil sie besser war. Sondern weil sie anders mit Menschen umging. Die 1970er Jahre waren solch eine Zwischenzeit. Zwischenzeit weil: nicht mehr die humanistische Moderne der Nachkriegsjahre, aber auch noch nicht die technokratische Gegenwart. Man lebte bereits in Masse, aber noch nicht im Modus der Daueranspannung.
Maß statt Botschaft
Die Dinge der 1970er wollten wenig. Sie wollten funktionieren. Und sie wollten nicht auffallen. Ein Auto - etwa ein Mercedes W 123 - war kein Statement. Es war ein Gebrauchsgegenstand mit Würde. Seine Formen waren horizontal, ruhig, lesbar. Der Innenraum war warm, materialreich, nicht minimalistisch, sondern maßvoll, im Sinne von: Nichts daran wollte beeindrucken oder dominieren. Dieser Wagen sagte nicht: Ich bin stark sondern Ich bin da.
Schönheit als Nebenwirkung von Mass
Die Schönheit dieser Zeit war selten expressiv. Sie wirkte beiläufig, kombiniert aus Erdfarben, Stoffen, Holz und Chrom - nicht als Darstellung von Luxus sondern als Selbstverständlichkeit. Dies entsprang keinem Zufall sondern drückte ein stilles Kulturgefühl aus: Der Mensch ist nicht der Feind seiner Umgebung. Die Dinge durften sich zurücknehmen. Genau deshalb wirkten sie freundlich.
Der Riss ist schon sichtbar
Gleichzeitig entstanden die Plattenbauten. Sie markieren den Bruch. Nicht primär durch ihre Hässlichkeit sondern durch ihre Gleichgültigkeit gegenüber menschlicher Wahrnehmung. Der Mensch wurde hier nicht mehr mitgedacht sondern mitverwaltet.
Immerhin mag man noch gütig vermerken: Diese Bauten wollten nicht angreifen. Sie waren zwar kalt doch nicht aggressiv.
Der Umschlag: Vom Gebrauch zur Wirkung
Irgendwann, etwa ab den 1990ern, verstärkt im neuen Jahrtausend, verändert sich etwas Grundsätzliches. Dinge beginnen, psychologisch zu arbeiten. Autos werden höher, breiter, kantiger und dunkler. Dieser Wandel vollzieht sich nicht aus aerodynamischen Gründen. Im Gegenteil: Viele moderne Fahrzeuge wirken aerodynamisch schlechter als Limousinen der 1970er. Die Form ist symbolisch, nicht funktional.
Schwarz als Rüstung
Schwarz ist keine neutrale Farbe. Schwarz signalisiert Kontrolle, Ernst, Abgrenzung und Unangreifbarkeit. In einer Kultur der Unsicherheit wird Schwarz zur zweiten Haut. Man schützt sich und härtet sich gleichzeitig ab. So entsteht eine Ästhetik der Rüstung.
Machtästhetik statt Aufenthalt
Moderne Fahrzeuge, besonders die SUVs, arbeiten mit archaischen Signalen: breiten Fronten, schmalen, aggressiven ´Augen´, hoher Sitzposition und einem massiven Körper. Dies ist keine technische Entscheidung sondern Affekt Design. Die Frage ist längst nicht mehr: Wie fühlt sich ein Mensch in diesem Objekt? Sondern: Wie wirkt das Objekt auf andere? Die Dinge haben ihre Anmutung verloren. Sie sprechen an unserer statt und sollen auf andere einwirken.
Verändert das Menschen?
Nicht im Sinne direkter Aggression. Jedoch kalibriert es die Wahrnehmung neu. Wer täglich von harten Kanten, dunklen Flächen und dominanten Formen umgeben ist, passt sich an. Design ist kein Beiwerk sondern wirksame Dauerpädagogik. Die 1970er nutzten diese Einflussnahme noch nicht. Darum wirken ihre Dinge stiller.
Warum diese Zeit heute fehlt
Wer sich zurücksehnt, leidet nicht an Nostalgie. Sondern er sehnt sich nach Maß, Lesbarkeit, Wärme, Reparierbarkeit und nach Dingen, die nicht ständig etwas wollen. Die 1970er waren nicht idyllisch. Doch sie kannten noch eine Ethik der Dinge. Heute geht es um Effizienz, Signalstärke und Machtästhetik anstelle von wohltuender Wahrnehmung.
Resumé
Vielleicht liegt der Unterschied darin: Die Dinge der 1970er wollten den Menschen nicht verändern. DIe Dinge der Gegenwart wollen ihn formen.
Und genau daran erkennt man den Wandel einer Kultur: nicht an ihren Parolen sondern an den Dingen mit denen man täglich lebt.

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