Über Heimatlosigkeit und den Verzicht auf falsche Heimaten
- sabinebobert
- 31. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Heimatlosigkeit betrifft heute nicht nur Vertriebene, Migranten oder sozial entwurzelte Menschen. Auch Menschen mit Beruf, Wohnung, Beziehungen und Bildung können äußerlich ´angekommen´ sein und sich doch entwurzelt fühlen.
Diese Heimatlosigkeit ist kein inneres Versagen sondern eine Zeitdiagnose.
Heimat war nie nur ein Ort
Heimat wird meist räumlich verkürzt auf ein Dorf, eine Landschaft, Sprache oder Herkunft. Doch dann bleibt unerklärt, wieso sich Menschen auch dort heimatlos fühlen, wo sie geboren wurden. Oder wieso sie sich unterwegs geborgener fühlen als an bekannten Orten.
Heimat ist daher nicht nur ein Ort. Sondern zugleich die Übereinstimmung zwischen innerem Zustand und Welt. Das eigene Innen und die Welt fallen nicht dauernd auseinander. Diese Übereinstimmung ist jedoch brüchig geworden.
Die Beschleunigung vertreibt
Ein Welt, die sich ständig überholt, bietet keinen Halt. Wenn alles nur Provisorium ist, einschließlich Arbeitsverhältnis, Beziehung, Überzeugungen oder gar Identitäten, dann kann sich nichts setzen. Beheimatung lebt von Dauer, Wiederkehr und Verlässlichkeit.
Beschleunigung zerstört diese Grundpfeiler. Durch die hohe Taktung lebt man ständig wie im Transitraum, in einem Übergang zum Nächsten oder wie im Warten auf das nächste Update. Das Jetzt bleibt eine Verbindungsstraße statt Wohnort.
Heimatlos ist, wer nirgendwo bleiben darf, nicht einmal bei sich selbst.
Funktion ersetzt Zugehörigkeit
Moderne Gesellschaften integrieren Menschen nicht über Zugehörigkeit sondern über Funktionen. Man ist nicht da sondern nützlich. Man zählt solange man benötigt wird. Danach verschwindet man geräuschlos.
Heimat hingegen entfaltet sich, wo Anwesendsein genügt. Wo man nicht begründen muss, wozu man da ist. In einer funktionalisierten Welt wird selbst der Mensch zum Provisorium.
Die Auflösung gemeinsamer Zeit
Frühere Gesellschaften kannten geteilte Zeitformen wie Feste, Jahresrhythmen, Sonntage oder liturgische Wiederkehr. Sie erzeugten kollektive Gegenwart.
Heute ist das Zeitempfinden fragmentiert. Jeder lebt mit seinem eigenen Kalender und im eigenen Takt. Das erzeugt statt Gleichzeitigkeit nur Parallelität.
Ohne geteilte Zeit gibt es keine gemeinsame Welt und ohne gemeinsame Welt keine Heimat.
Der Verlust der Tiefe
Heimat wächst leise aus Vertrautsein, Wiederholungen und Langsamkeit. All dies gilt heute als rückständig, langweilig, ineffizient. Tiefe jedoch entsteht im Verweilen. Wenn Optionen Bindung ersetzen und Zeit verbraucht statt bewohnt wird, bleibt eine flache Welt zurück. In ihr lässt sich scheinbar alles erreicht – außer einem selbst.
Heimatlosigkeit als Existenzform der Moderne
Der Philosoph Martin Heidegger sprach von Unbehaustheit. Der Mensch sei in der modernen Welt nicht mehr „zu Hause im Sein“. Alles existiere nur noch im Modus der Verfügbarkeit, als ein Ding „um zu“, also wie ein Werkzeug und nicht um seiner selbst willen. In dieser Verfügbarkeit gibt es keinen Ort mehr, an dem man ankommt.
Heimatlosigkeit entsteht in einer Welt ohne Aufenthalt.
Warum Ersatzheimaten nicht tragen
In dieser Ortlosigkeit bieten sich neue Ersatzheimaten an: Ideologien, Szenen, Communities. Doch all diese Angebote funktionieren über Programme. Wer dazu gehören will, muss ins Tempo passen und sich einfügen. Dies erzeugt Zugehörigkeit.
Heimat hingegen lässt sich nicht organisieren. Sie ereignet sich.
Die stille Wahrheit
Heimatlos wird man weniger weil man etwas falsch macht. Es genügt, zu sensibel für eine Welt zu sein, die sich selbst verloren hat. Insofern wird Heimatlosigkeit zu einem Symptom für Wahrnehmung. Wer Risse und Brüchigkeit erkennt, bleibt zurückhaltend. Und wer Tiefe braucht, meidet Oberflächenwelten.
Heimat lässt sich nicht erwerben und besitzen. Sie erwächst oder der Passung zwischen Außen und Innen, aus einem Übereinstimmen. Dieser Zustand ist rar geworden. Die Zumutung unserer Zeit mag darin bestehen, dies wahrzunehmen und falsche Heimaten zu meiden. Der Anfang von Beheimatung liegt darin, nicht mehr schnell oder nützlich zu sein sondern anwesend.

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