Sprache, die trägt. Vier Notizen gegen die Eile
- sabinebobert
- 20. Dez. 2025
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 23. Dez. 2025
Wohin entfloh die "Schöne Sprache"?
Es fällt kaum auf, weil es sich schleichend vollzieht: Sätze werden kürzer, Wörter werden glatter, Bedeutungen weren eindeutiger.
Sprache erledigt heute fleißig ihre Aufgaben: Sie informiert, sie erklärt gehorsam. Sie sichert Inhalte ab. Was sie hingegen viel seltener tut ist zu tragen.
Schöne Sprache - ich meine damit nicht sogleich poetische oder literarisch ehrgeizige Sprache - schöne Sprache öffnet Türen zu Räumen, in denen verweilt und geatmet werden kann. Sie beschreibt nicht nur solche Räume. Sie lässt sie gegenwärtig sein. Wir spüren beim Lesen wieder wach, wie es ist, in der Welt zu sein. Ihre Sätze benötigen Zeit. Und sie verlangen etwas Unmodernes: Geduld.
Vielleicht liegt hierin der Grund ihres Verschwindens. Nicht in mangelnder Bildung, wie oft vermutet wird, oder in schwindender Intelligenz. Sondern in der Umwertung der Kultur: Effizienz und Kontrolle rangieren bei weitem höher als durchzuatmen und zu verweilen. Diese Kultur kennt kaum noch Räume, in denen Sprache nichts leisten muss.
Effizienz fragt danach: Ist die Information angekommen? Schöne Sprache fragt nicht. Sie wartet.
Effiziente Sprache will fertig werden. Schöne Sprache darf offen bleiben.
In effizienten Systemen gelten Mehrdeutigkeiten als Risiko, Nebensätze als Umwege, Bilder als Tor zu Missverständnissen. Was sich nicht bändigen lässt, wird vorsichtshalber aussortiert. Übrig bleibt eine Sprache, die sicher Inhalte befördert wie eine U-Bahn, aber fade und leblos funktioniert. Aus einem Spielzeug des Geistes ist ein urbanes Transportmittel geworden.
Dabei war Sprache nie nur Transportmittel. Sie war immer auch ein Aufenthaltsort. Sie war ein Raum, in dem sich Wahrnehmung sammeln durfte. Sie war ein Resonanzkörper für Erfahrung.
Vielleicht liegt darin der eigentliche Verlust: nicht im Verlust schöner Wörter, sondern im Verlust des Vertrauens, dass Sprache etwas wagen darf.
Hinzu kommt etwas anderes, Leiseres: In einer vielstimmigen, mobilen, fragmentierten Gesellschaft gibt es immer weniger geteilte Voraussetzungen. Metaphern setzen gemeinsame Bilder voraus. Ironie bedarf des feinen Hörens. Stil lebt als Code vom stillschweigenden Einverständnis. Wo all dies fehlt, wird Sprache vorsichtig, explizit und verflacht.
"Einfache Sprache" wie auf Behördenwebseiten ist oft gut gemeint. Sie will niemanden ausschließen. Sie will verständlich sein. Problematisch wird sie erst dort, wo sie zur einzigen erlaubten Form wird. Wo Differenzierung als Zumutung gilt. Wo Nuancen verdächtig erscheinen. Dann beginnt Sprache, sich selbst zu misstrauen.
Was dabei oft übersehen wird: Schöne Sprache entsteht nicht aus einer Technik heraus, sondern aus Erfahrung. Aus gedeiht im Verweilen. Sie entspringt genauem Hinschauen. Und sie bedarf des Mutes, nicht sofort zu wissen, was ein Satz anklingen lassen wird.
Wo Erfahrung verflacht, folgt die Sprache nach. Wo Lebendig sein meist Reagieren meint, bedarf die Sprache keiner Tiefe.
Dennoch verschwindet sie nicht. Sie entzieht sich und verweilt im Rückzug. Man trifft sie selten in Institutionen an. Sie überlebt nicht automatisch in "höheren Sphären" bei "denen ganz oben". Auch Bildungssysteme zählen nicht verlässlich zu ihrem Biotop. Sie nimmt Zuflucht bei Einzelnen. In verweilenden Randgesprächen und in Texten die nicht hasten müssen. Sie baut sich sogar Nester in neuen Formen wie in Blogs, die niemanden optimieren müssen sondern "nur" die Wahrnehmung schäften wollen für das, was sonst unscharf und hastig war. Sie spielt in Büchern, die nicht gefallen oder verkaufen wollen.
Schöne Sprache überlebt dort, wo jemand sie nicht gebrauchen muss, um etwas zu erreichen.
Auch wenn sie heute vielleicht weniger ein erstrebtes Kulturgut ist und zwangsläufig zu einer versteckten Praxis wird, avanciert sie gleichsam ungewollt zum neuen Luxusgut. Sie zeugt von einer bewohnbaren Weise, in der Welt zu sein. Wer sich erlaubt, langsam zu denken und zu schreiben, muss nichts beweisen. Er kann seine Sätze mit offenen Türen zum darin Wandeln stehen lassen. Wer andere weder motivieren noch formen muss, darf mit Sprache berühren. Die seltener werdende Leseratte behält ihr feines Gespür. Sie wird immer Räume finden die atmen. Sie spürt den Unterschied zwischen Sätzen, die für den Minimalgebrauch gestanzt wurden um zu informieren - und Sätzen, die als Begleiter taugen.
Warum manche Texte müde machen - und andere tragen
Es gibt Texte, nach deren Lektüre man seltsam erschöpft ist. Nicht, weil sie zu schwierig wären. Auch nicht weil sie zuviel verlangen. Sondern weil sie nichts zurückgeben. Man liest sie korrekt. Man versteht sie leicht. Und doch bleibt nichts zurück außer Müdigkeit.
Andere Texte hingegen verlangen mehr. Sie strömen länger, mäandern verschlungener, verbreitern sich in Metaphern. Und dennoch geht man leichter aus ihnen hervor. Unbelehrt, nicht überzeugt, sondern getragen.
Der Unterschied liegt selten im Thema. Er liegt im inneren Zustand, dem der Text entströmt. Ermüdende Texte sind oft eiligem Denken abgepresst oder wurden aus der Pflicht heraus gestanzt, oder aus dem formalen Wunsch etwas abzuliefern. Sie wollen informieren, absichern, positionieren, sicher sein. Man spürt es zwischen den Zeilen: Der Text steht unter Druck. Er soll etwas leisten. Er fordert, leise aber beständig, dem Leser gleiches ab.
Diese Texte gewähren keinen Raum. Sie erklären zuviel und lassen ja keine Lücken offen. Sie trauen dem geneigten Lese-Menschen (für Leser:In) nicht zu, selbst mitzudenken. Genau dies lässt den Geist ermüden.
Tragende Texte entströmen einem gefüllten Raum. Nicht aus Plan, sondern weil im Verweilen Gesammeltes überquillt und reif ist. Sie wollen nichts klarstellen sondern Lebendiges mitteilen. Sie sind nicht immer freundlich und auch nicht immer leicht. Aber sie machen wach. Man spürt: Hier schreibt jemand, der auch lebendig ist. Der frei vom Zwang zur Wirkung ist. Er will weder beweisen noch Aufmerksamkeit binden. Er bleibt respektvoll einladend.
Solche Texte lassen Leerstellen offen. Nicht aus einer denkfaulen Unschärfe heraus, sondern im Vertrauen darauf, dass Verstehen ein gemeinsames Werk ist. Ein müder Text lenkt. Ein tragender Text begleitet. Jener schleift den Leser/Lese-Menschen durch eine Argumentationsspur mit. Der andere wandert ein Stück neben ihm her. Vielleicht liegt darin der entscheidende Unterschied: ob ein Text den Leser benutzt. Oder ob er ihm einladend Spielraum gewährt.
In einer Zeit, in der der Schreibdruck hoch ist, um sichtbar zu sein, zu wirken, zu überzeugen, ist Ermüdung die angemessene Antwort. Dies ist nicht auf einen geschwächten Leser zurückzuführen, sondern ein Signal.
Ermüdende Texte signalisieren: Hier wird zuviel gezerrt und zu wenig getragen.
Tragende Texte laden zum Verweilen ein. Man darf sie beiseite legen. Man darf zu ihnen zurückkehren. Man ist entbunden vom Zwang, Zeilen im Kopf zu behalten. Wenn sie nachhallen, dann nicht durch Druck sondern Stimmigkeit.
Vielleicht ist das der Grund, warum Leseratten heute viele Texte verweigern. Sie wittern Köder, implizite Moral und ihr Fell sträubt sich gegenüber unverdaulichen Buchstaben. Dies folgt nicht aus Arroganz, vielmehr aus Selbstschutz. Sie haben gelernt, dass nicht jede klare Sprache eine gute ist. Und dass nicht jede verständliche Erklärung etwas verständlicher macht. Ein Text darf anspruchsvoll sein. Aber er sollte nicht anstrengen, nur weil der Schreiber angestrengt ist.
Vielleicht hilft am Ende ein eine schlichtes Maß: Ein guter Text nimmt dem Leser nichts weg. Er gibt ihm etwas, das bleibt, das mitgehen kann. Nicht eine Information sondern eine Erfahrung.
Über das Recht, langsam zu schreiben
Langsam zu schreiben gilt inzwischen als verdächtig. Auch an der Universität zählt für Professoren inzwischen Quantität als handele es sich um Legebatterien des Wissens. Wer langsam schreibt, so scheint es, habe etwas nicht verstanden. Ohne lange Listen gilt er als nicht effizient, als außer Takt geraten.
Dabei ist bedachtes Schreiben kein Zeichen von Rückständigkeit. Es ist vielmehr ein Ausdruck von Sorgfalt. Es zeigt an: Jemand hört sich selber zu, während er denkt und formt. Jemand prüft, ob seine Wörter tragen, bevor er sie hinausschickt. Langsam zu schreibt heißt nicht, viele Worte zu machen. Es heißt, der Logorhö zu widerstehen.
In einer Kultur lichtschneller Kommunikation entartet Schreiben oft zum Schreibsprechen. Gedanken purzeln sofort in Texte, Halbsätze, Ausrufe. Sätze werden nicht geformt sondern fallen gelassen. Das mag praktisch sein, doch es verändert Wesentliches: die Beziehung zur eigenen Wahrnehmung.
Denn Schreiben ist ursprünglich kein Mitteilungsakt sondern ein Ordnungsprozess. Man nimmt erst schreibend wahr, was in einem denkt, fühlt, gesehen werden will.
Wer langsam schreibt, gibt seiner inneren Ordnung einen Entfaltungsraum. Langsam zu sein ist dabei kein falscher Luxus. Es geht um eine Form von Verantwortung: gegenüber der Sprache und den Lese-Menschen (für: Leser:innen). Ein langsam geschriebener Text verlangt weniger Kraft beim Lesen, nicht ein Mehr. Er fließt klarer, nicht diffuser. Er entwickelt sich leise, nicht karg.
Vielleicht ist dies der Punkt, an dem sich etwas verschoben hat. Nicht langsames Schreiben ist anstrengend geworden, sondern Lesen. Das Schreiben passt sich an. Es kommt kürzer, schlichter, leicht verdaulich daher. Doch Sprache und überhaupt Kommunikation lässt sich nicht lichtgeschwind beschleunigen, ohne an Tiefe zu verlieren. Oberfläche ohne Tiefe trägt nicht mehr.
Langsam zu schreiben heißt, dem Satz einzuräumen, sich zu setzen. Nicht alles Geschriebene muss zusätzlich noch erklärt werden. Nicht alles Metaphorische braucht ein Sicherungsnetz. Das ist heute fast schon Ausdruck seltener Höflichkeit: Ich hetze dich nicht mit meinem Text. Komm herein, du darfst hier spazieren! Ich gewähre dir meine Zeit, die ich mir mit diesen Worten für dich genommen habe.
Vielleicht ist bedachtes Schreiben eher eine Grundhaltung denn eine Stilfrage, und Stil ist der Oberflächenausdruck von Tiefe. Langsames Schreiben entscheidet sich gegen Drängen, zugunsten von Ordnen, Rhythmus und Atem. Und am Ende mag gar gelten: Ein Text, der sich setzen durfte, kann den Leser schneller erreichen, genau weil er weder drängt noch zieht.
Über das Lesen als Gegenpraxis
Lesen war einst eine selbstverständliche Tätigkeit. Heute bedarf es fast schon einer Entscheidung. Texte lauern zwar überall. Doch zu entscheiden bleibt, ob, wie und wozu man sie lesen sollte.
Die meisten Texte wollen etwas von uns, sei es unsere Aufmerksamkeit, Zustimmung, Zeit oder unsere Reaktion. Man liest sie zielgerichtet: um informiert zu sein, mitzuhalten, nicht abgehängt zu werden, sich eine Meinung zu bilden. Dies ist legitim. Doch es ist nicht dasselbe wie lesen.
Lesen im eigentlichen Sinne beginnt dort, wo nichts eingefordert wird. Wo ein Text weder zieht, schiebt oder beschleunigt. Wo er kein hastiger Bote ist sondern einfach da. Solches Lesen ist kein Konsum sondern eine Form von Aufenthalt. Man nimmt Rast bei einem Satz ohne zu wissen weshalb. Man verlangsamt, verweilt. Man spürt, dass der Textd nicht schneller hasten will als man selbst.
In einer Kultur der Impulse und Absichten ist solches Lesen bereits Gegenpraxis. Nicht als schon wieder absichtsvoller Widerstand sondern als sich Entziehen und Verschieben der Aufmerksamkeit. Weg vom abzuliefernden Ergebnis hin zur Selbstzwecklichkeit.
Gutes Lesen verändert nichs sichtbar. Es produziert weder Güter noch Güte. Aber es schafft Raum: Es richtet einen inneren Raum ein, in dem Sprache sich wieder frei bewegen darf, in dem sie nicht arbeiten muss. In dem Worte nicht nützlich sein müssen, sondern spielen dürfen. In dem Gedanken nicht aus dem Jetzt fort-geführt werden müssen.
Vielleicht liegt darin der eigentliche Wert des Lesens: dass es uns in einen anderen Zeit- und Lebensmodus versetzt: in ein Zeitbiotop, in dem Muße Raum erhält und in dem nichts gemessen wird. In dem Wortzahlen nicht mehr zählen und Sätze nicht für Sales optimiert werden müssen. Lesen ist nicht Freizeit sondern eine Weise zu existieren.
Leseratten haben dies längst gespürt. Sie lesen nicht, um mit einem Buch fertig zu werden. Sie lesen, um da zu sein. Ein Text darf liegenbleiben. Man darf ihn wieder aufnehmen. Man darf ihn vergessen und später wiederfinden.
Das steht im starken Gegensatz zur heutigen Textkultur. Sie setzt auf Aktualität, Dringlichkeit und die unausgesprochene Forderung, möglichst sofort zu reagieren. Lesen als Gegenpraxis lebt im Gestus: Ich muss nicht antworten. Ich darf verweilen und unentschieden bleiben.
Vielleicht ist das der Grund, warum manche Texte müde machen und andere tragen. Sie weisen uns unterschiedliche Rollen zu. Der eine Text macht uns zu Empfängern. Der andere macht uns anwesend.
Ein tragender Text gewährt uns Ruhe und Raum. Er verlangt nichts. Er bleibt offen. Das Lesen eines solchen Textes ist kein Akt des Verstehens sondern eine Form der Einstimmung. Hierzu zählt die Zustimmung zu einem flanierenden Tempo. In diesem Sinne vollzieht sich Lesen ganz unaufgeregt - und gerade darin ist es radikal. Es widersetzt sich nicht. Es entzieht sich.
Vielleicht genügt das schon.

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