Den Innenraum entlasten oder deuten?
- sabinebobert
- 31. Dez. 2025
- 1 Min. Lesezeit
Die vielleicht schwierigste Einsicht lautet: Nicht jede Befreiung braucht Öffnung. Viele Systeme, darunter therapeutische, spirituelle und soziale, setzen auf Öffnung. Man soll erzählen, durcharbeiten, in Gruppen teilen. Doch Öffnung macht verletzlich, und Verletzlichkeit erzeugt Abhängigkeit oder auf der anderen Seite auch Abwehr.
Ich schlage eine andere Form der Entlastung vor, die mir bislang kaum begegnet ist. Sie besteht darin, den Zugriff auf den Innenraum endlich einzuschränken. Denn viele Probleme sind genau durch Übergriffigkeit und mangelnde Rückzugsmöglichkeiten entstanden. Dann muss man nicht erneut bekennen: Was ist da drin? Sondern es geht um die Frage: Was darf wann endlich in Ruhe gelassen werden? Man ist dann befreit von weiteren Deutungen, Sinnzumutungen oder auszuarbeitenden Erzählungen über sich selbst.
Unterstützung durch Entlastung bringt wenig sichtbare Ergebnisse. Sie setzt weder auf Gemeinschaftsbildung noch Fortschritt noch finale Erzählungen. Das lässt sich schlecht vermarkten, ist jedoch der große alte transformative Weg: vom ersten Einsiedler Antonius, den christlichen Wüstenvätern bis zu Thoreau oder Thomas Merton. Wieso bringt das Ende des Herumdokterns an sich selbst starke, integrierte Persönlichkeiten hervor?
Entlastung ´befreit´ nicht den Innenraum mit neuen Methoden sondern sie lässt ihn endlich in Ruhe, damit er stiller werden kann. Er wird nicht entleert im Sinne eines Verlustes seiner Inhalte. Er muss sich nicht länger in Richtungen und Formen hinein entwickeln. Ich nenne diesen Zustand ´Unbesetztheit´. Diese lässt sich schlecht in Videos oder Berichten teilen. Genau deshalb bleibt sie vor fremden Zugriff sicher.
Es mag die radikalste Form von Freiheit sein, dass niemand etwas mit meinem Inneren anfangen muss. Es bleibt dem Zugriff entzogen.

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