Identität ist kein Narrativ sondern ein Zustand
- sabinebobert
- 5. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Die moderne Welt liebt Geschichten. Sie liebt Anfänge, Wendepunkte, Krisen und Auflösungen. Und sie schreibt in uns selbst gern Geschichten ein. Wer uns fragt „Wer bist du“, will meist wenig über unseren gegenwärtigen Zustand hören. Er wartet auf die Erzählung: Woher kommst du, was hat dich geprägt, wohin bist du unterwegs?
Identität erscheint dann als Plot.
Doch vielleicht ist genau das der Irrtum.
Vielleicht ist Identität gar kein Narrativ.
Vielleicht ist sie ein Zustand.
Der Zwang zur Erzählung
Das Narrativ ist eine soziale Technik. Es macht Menschen lesbar. Erzählen heißt ordnen, glätten und kausal verknüpfen. Es formt ein Leben um zu einer geraden Linie, die sich rückwärts erklären und vorwärts prognostizieren lässt. Das Vergangene legitmiert die Gegenwart, die Gegenwart verspricht eine Zukunft.
Doch jeder, der je still gesessen hat und nichts erzählt hat, weiß: Das Leben selbst zeigt sich nicht so. Es geschieht. Es ist da. Es ist nicht notwendig sinnvoll.
Identität, als Zustand verstanden, widersetzt sich dieser narrativen Logik. Sie fragt nicht: Was ist aus dir geworden? sondern: Wer bist du jetzt?
Zustand statt Geschichte
Ein Zustand ist nicht erklärend sondern präsent. Er bedarf keiner Rechtfertigung. Er muss sich nicht fortsetzen um gültig zu sein. Ein Zustand darf sich ändern ohne dass er ´falsch´ war. Er darf widersprüchlich sein ohne gelöst werden zu müssen.
Narrative Identität verlangt Kohärenz.
Zustandshafte Identität erlaubt Dichte.
Im Zustand ist jemand nicht die Summe seiner Erfahrungen sondern die momentane Konstellation von Wahrnehmung, Spannung, Ruhe, Offenheit, Müdigkeit, Klarheit. Identität ist dann keine Leistung aus Erinnern und Glätten sondern eine Weise des Daseins.
Die Gewalt der Biografie
Ich erinnere mich noch daran, wie ich im Deutschunterricht erstmals meinen „Lebenslauf“ schreiben musste. Es ging darum, sich als nützlich für künftige Bewerbungen darzustellen. Immerhin war er noch nicht tabellarisch gemeint sondern als Fließtext gefordert.
Mir wurde mit einem Schlag bewusst, wie viel von meinem Leben andere nicht interessierte: dass ich als Kind viel Zeit auf einem kleinen Boot verbrachte und stundenlang allein durch Wälder streifte. Dass ich gerne Tiersendungen im Fernsehen schaute und welche meine Lieblingsserien waren („Flipper“, „Die Waltons“, „Raumschiff Enterprise“), die mich danach noch tagelang bewegten. Dass ich eine Leseratte war und mich faszinierte, wie Hemingway seine Dialoge so gestaltet, dass aus stark verknappten Sätzen dennoch Charaktere werden.
All das an mir war nicht gefragt. Ich erkundigte mich mehrmals bei der Lehrerin, was jetzt überhaupt noch wichtig war. Immerhin schrieb ich dann einen Text: „Warum ich gern Theologie studieren möchte“ - in einem ´roten´, linientreuen Gymnasium der DDR.
Ich erlebte damit schon früh: Biografien sind nützlich aber auch gewaltsam. Sie zwingen echtes Leben in Sinnfiguren, die oft im Nachhinein erschaffen werden. (Mein Leben lief nicht einmal auf diesen Studienwunsch zu, denn auch dieser entstand erst aus einem faktischen Studienverbot durch diese Deutschlehrerin. Der Berufswunsch war nur Antwort auf Gewalt.)
In linienförmigen Biographien werden Brüche zu Lektionen, Verletzungen zu Wachstum, Verluste zu notwendigen Durchgängen.
Das Narrativ tröstet. Und es verrät zugleich.
Denn es raubt dem Leiden seine Wirklichkeit und ersetzt sie durch Bedeutung. Es raunt: Das musste so sein! Und übergeht dabei den schlichten, skandalösen Befund: Es war einfach so.
Identität als Zustand verweigert falschen Trost. Sie wird nicht erst, wenn alles einen Sinn hatte. Sie sagt nur: Dies ist da. Darin liegt eine andere, leisere Würde.
Stillstand als Wahrheit
Narrative fürchten Stillstand. Eine Geschichte, die nicht weitergeht, gilt als misslungen. Doch Zustände sind etwas anderes als Stillstand, auch wenn sie leicht so missverstanden werden. Zustände kennen nur Verweilen.
Es gibt Menschen, deren Identität nicht darin besteht, sich zu entwickeln, sondern darin, anwesend zu sein. Sie sind nicht unterwegs. Sie sind nicht auf dem Weg zu sich selbst.
Das ist keine Regression. Es ist eine andere Ontologie.
Identität als Zustand ist näher an Wetter als an Geschichte. Sie verändert sich, ohne Ziel. Sie ist nicht zu optimieren. Sie kann nicht ´gelingen´.
Freiheit vom Selbstentwurf
Wer Identität narrativ denkt, steht unter permanentem Gestaltungsdruck. Man muss sich entwerfen, sich finden und sich neu erfinden. Der Mensch wird zum Projekt, das nie abgeschlossen ist und nie ruht.
Der Zustand kennt diesen Druck nicht. Er fordert keine Kohärenz über die Zeit hinweg. Er erlaubt, heute anders zu sein als gestern, ohne Erklärung oder Bruch. Er verlangt keine Treue zur eigenen Vergangenheit.
Vielleicht ist dies die radikalste Freiheit: nicht mit sich selbst übereinstimmen zu müssen.
Die Unlesbarkeit als Schutz
Zustände sind schwer erzählbar. Sie entziehen sich schnellen Zuschreibungen. Wer sich nicht als Narrativ feilbietet, wird für andere weniger greifbar und damit weniger verfügbar.
Ein Zustand lässt sich schwer bewerten, vermarkten und zuordnen. Diese Freiheit gilt auch für das zuständige Subjekt selbst.
Man ist – ohne weitere Ansprüche.
Gegen die Erlösungslogik
Narrative Identität lebt vom Erlösungsversprechen: Am Ende ergibt alles Sinn. Am Ende wird das Ich sich selbst verstehen. Am Ende schließt sich ein Kreis.
Der Zustand kennt kein Ende. Er kennt nur Gegenwart.
Vielleicht liegt darin seine stille Form der Erlösung: nicht mehr darauf harren zu müssen, dass das Leben sich selbst erklärt.
Identität ist kein Roman, kein Entwicklungsbogen und weit entfernt von Heldengeschichten. Sie ist ein Zustand: offen, fragmentarisch, gegenwärtig. Und vielleicht ist das genug.

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