Nach dem Sinn.Warum posttraumatische Spiritualität kein Sonderfall für Randgruppen ist
- sabinebobert
- 2. Jan.
- 6 Min. Lesezeit
(Mein Buch über post-traumatische Spiritualität und Theologie wird 2026 erscheinen.)
Traumatisierte als Randgruppe oder Normalfall?
Es wäre zu optimistisch, zu glauben, dass ich eine post-traumatische Spiritualität (und Theologie) nur für Randgruppen entwickele, als bedürften nur diese einer besonderen Schonung und Sensibilität.
Ich entwickele sie als Aufdeckung einer traumatischen Normalität. Mir ist deutlich geworden wie universal Traumata bei den Menschen die ich begleite, bei mir selbst und in den Beziehungen, in denen ich lebe. Eine Spiritualität, die das harmonisch überdeckt, greift nicht tief genug. Sie mag heilen und orientieren. Doch es wird einen Punkt geben, an dem sich Menschen nicht weiter entwickeln, wenn Trauma als Normalfall ausgeblendet bleibt.
Die Ordnung selbst, die traumatische Biographien hervorbringt und stabilisiert, muss thematisiert werden. Nicht um die Ordnung zu zerstören. Sondern um den wenigen zu helfen, die diese Ordnung hinter sich lassen wollen. Denn für die Mehrzahl der Traumatisierten bieten stabile Ordnungen Schutz. Daher soll die Wirkung von Leben ordnenen Strukturen hier nur gezeigt, aber nicht aber abgeschafft werden.
Die Gewalt von Ordnungen am Beispiel Sinngebung
In diesem Essay soll es nur um eine einzige, als quasi naturhaft anerkannte Ordnungsform gehen: Sinn, Sinnsuche, Sinnstifung, einschließlich Gott als Sinninstanz. (Weitere zentrale Ordnungsformen um traumatisiertes Leben zu halten – leider auch auf der selben Stelle zu halten, sind zum Beispiel: Die Frage nach der Theodizee, Suche nach der Rechtfertigung im Leben einschließlich der theologischen Rechtfertigungslehre in ihren meisten Formen, Kreuzestheologie).
Ich nehme bewusst Sinn als freundlich und harmlos wirkendes Beispiel. Nur wenige würden hier ansetzen. Denn Sinn verspricht Orientierung, Erklärungen wo Erklärungsnotstand herrscht. Er verbindet das was uns zunächst zusammenhanglos erscheint.
Doch genau die Sinnsuche wurde mir zur Qual wie eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung. Andererseits sah ich mich auch nicht wie Sysiphos von Albert Camus, der nur noch das Absurde feiert. Ich fand die Sinnsuche, je länger ich suchte, einfach überflüssig – sinnlos. Mein Leben mit seinen vielen Brüchen sträubte sich dagegen, in ein fremdes Ordnungssystem gequetscht zu werden, nur um bürgerlich normalisiert zu werden. Die an mir ausprobierten Sinnantworten „Wozu war das gut?“ zum Beispiel, wirkten angesichts des Erlebten – milde ausgedrückt – provokativ bis ahnungslos.
Sinngebung verlangt Zustimmung und Sich-Einfügen
Was war mein Punkt des Aufbegehrens, in meiner durchlittenen, durchlebten, überstandenen Einmaligkeit? Sinn meint fast immer eines: Zustimmung – zu einer Geschichte, zu einer Deutung, zu einer Zeitform. Jeder Sinn, den ich versuchte, besetzte meinen inneren Raum (egal ob Heldenreise nach Campbell oder Initiation in etwas Größeres). Sinn kommentierte rückwirkend, und manchmal auch nach vorne laufend: wozu etwas gut gewesen sei, wie es einzuordnen sei.
So entfaltet sich ein Erzählstrom mit Dauerinterpretationen wie ein Radio. Nichts darf einfach sein was es war: Verantwortungslosigkeit, dumpfe Gewalt, ein fast tödlicher Unfall, mobbende Mitläufer im Ost-System oder Konkurrenten, emotionale Unreife, Gruppendruck. Alles muss jetzt etwas zusätzlich werden.
Der Zwang, nachträglich Sinnordnungen zu entwickeln und etwas/jemandem überzustülpen, wird nur selten infrage gestellt. Mir hingegen erschien er schon früh als Banalisierung von Höhen und Tiefen des Lebens wie es sich zeigt. Als Vergleich: Muss ich denn zum Beispiel auch bei einer Bergwanderung einen Sinn abliefern? Darf sie nicht einfach eine Wanderung bleiben mit ihren eigenen Momenten? Wieso dann bei meinen prägenden Erfahrungen? Dürfen sie nicht für sich selbst stehen?
Nichts darf einfach sein. Alles muss etwas werden.
Sinnsuche als eine Herrschaftsform
Sinnsuche ist eine Herrschaftsform. Sie organisiert und verwaltet Innenräume. Sie verwaltet (gelebte) Zeit. Sie erzeugt vor allem eines: Selbstüberwachung, auch wenn sie freundliche Namen trägt wie Entwicklung, Reifen, Lebenslauf.
Wer sich seiner tiefen Brüche bewusst wird – und genau dies passiert auf dem spirituellen Weg – sieht: Das Leben fast fast nie frei. Es war von Deutungen und Zwecken besetzt wie ein verwalteter Gegenstand.
Trauma zerstört nicht Sinn. Es macht ihn unmöglich
Trauma bringt schneller Ordnungen zum Einsturz als jahrelange Meditation und Bewusstwerdungswege von behüteteren Menschen. Denn Trauma macht meilenweit im Voraus sensibel gegen jede Form von Zwang. Dies gilt auch gegenüber Sinnsuche und -findung.
Mit dem Trauma geht nicht, wie oft irrtümlich vorausgesetzt, der Sinn verloren. Sondern sinnlos, weil zerstörerisch, erscheinen viele Ordnungsformen in sich selbst. Man sieht jetzt glasklar: dass Sinn schon immer verlangte, dass Leid integrierbar sei, dass alles einen Platz habe, dass Böses mit der Zeit vergehe.
Wer selbstbewußt mit Trauma wird, statt sich gebrochen zu fügen und sein Heil in neuen Leben, Liebe, Leid verwaltenden Ordnungsformen zu suchen, verweigert sich diesem Sinnterror.
Die Erkenntniskraft von Trauma liegt nicht in einer quasi höheren Sinnerkenntnis. Und es sei auch niemandem als Erkenntnisweg nahe gelegt. Mein Punkt hier ist: bewusst getragenes Trauma führt zum Abbruch von Herrschaft und vielen Formen von Beherrschbarkeit.
Das post-traumatische Bewusstsein ist kein Defizit
Lange versuchte ich, meine Traumata wegzutherapieren oder wegzumeditieren. Ich habe Geduld wie ein Kaktus (sonst hätte ich nicht überlebt). Und tonnenweise Disziplin durch ostdeutschen Leistungssport, der meine Kindheit prägte und irgendwie sogar hielt. Statt mein Trauma loszuwerden, wurden mir dessen Strukturen immer klarer. Und ich gelangte zum Schluss: Post-traumatisch zu leben heißt nicht, beschädigt zu sein.
Es führt in eine andere Existenzform!
Trauma führt zum Verzicht auf Bedeungsüberlagerungen des Lebens selbst
Es befreit von vielem, mit dem andere sich herumplagen, um Leid zu verdecken oder so lange zu verschieben, bis alles passen muss. Mit sicherem Instinkt macht man Sinnschiebereien nicht mehr mit. Man erklärt auch das eigene Leben anderen nicht mehr ständig. Man rechtfertigt keine Täter mehr („Sie ist doch deine Mutter!“), auch wenn dies anderen viel wichtiger erscheint als das Opfer nach seinen Erlebnissen zu fragen - von Mitgefühl soll hier noch nicht einmal die Rede sein. Denn ihre Ordnung käme sonst ins Wanken. Sie soll durch Opfer nicht infrage gestellt werden, und dafür opfert man dann lieber Opfer.
Im post-traumatischen Bewusstein kolonialisiert man die Gegenwart nicht länger durch Bedeutungsüberlagerung. Das macht das Leben nicht bedeutungslos, im Gegenteil: Dinge und Erlebnisse dürfen wieder das sein was sie sind. Gewalt ist Gewalt. Jemand kann in der Mutterolle sein und trotzdem das eigene Kind mit Totschlag bedrohen und ablehnen. Jemand kann nach außen brilliant den charmanten Partner und DLRG-Lebensretter spielen – und im Haus trotzdem stehlen, beleidigen und drohen „Ich schlag dich gleich so gegen die Wand, dass ich für nichts garantieren kann.“ Der Traumatisierte weiß: Ordnungen und Bedeutungen lügen. Etwas kann sowohl als auch sein. Hinsehen und Fragmente so lassen wie sie erscheinen ist tausend mal mehr wert als sie einzutüten und mit einem Begriff zu ordnen. Das ist eine Erfolgsformel auch für andere Lebensbereiche.
Wer Ordnungen um ihrer selbst liebt und ihrer mehr bedarf als das wirkliche Leben zu sehen und manchmal auch zu ertragen, wird bei jedem dieser Beispiele weghören. Dies ist legitim, und viele Menschen sind so schutzbedürftig. Doch genau damit laufen sie Gefahr, der nächste Traumatisierte zu werden. Sie bauen ihr Leben auf Phantasien, die durch lieb klingende Ordnungsnamen erzeugt werden.
Erkenntnislage: Auf Augenhöhe mit der Wirklichkeit leben
Post-traumatisch zu leben ist eine Erkenntnislage (ich vermeide damit die ordnende Kategorie „Stufe“). Die einen erreichen sie über Philosophie, andere über Zen oder Mystik. Trauma ist ein weiterer Weg in diese Ultraklarheit. Ich verband alle drei miteinander und nutze sie jetzt für eine eigene Sprache, statt mich in Systeme zu fügen.
Das, was für Mystiker, durch Philosophien oder durch den nackt gewordenen Blick des Traumatisierten auf die Wirklichkeit aufscheint, gilt für alle. Es ist das unverstellte Leben selbst – und der Blick auf die wohlgemeinte Banalität von Ordnungssystemen, die wirklichen Krisen, die zum Leben selbst gehören, nicht standhalten. Aber mit der Wirklichkeit lässt es sich in ihr gut leben. Man lebt und kriselt nicht länger gegen sie.
Nach dem Sinn weitet sich Raum
Ich will niemanden erschrecken, im Gegenteil: Menschen, die sich bis heute mit Bedeungsgebungen quälen oder übersehen und überhört werden, weil sie nicht in deren Ordnungsformen für Welterleben passen – ich will diese Menschen entlasten. Religionen und sehr ´spirituelle´ Menschen tun leider oft das Gegenteil, bis hin zum Banalisieren und Verstetigen von Gewalt durch Sinngebungen: ´Hast du schonmal überlegt, wer dieser Gewalttäter in deinem letzten Leben war?´
Ich verspreche auch niemandem Glück, der in dieser neuen Klarheit landet. Auch keine Heilung in dem Sinne, dass du plötzlich ein anderer wird, der niemals solche Qualen durchlitten hätte. Und nicht alles lässt sich passend kitten, was als Trümmerfeld deines bisherigen Weges vor bzw. hinter dir liegt. Ganzheit verstehe ich und erlebe ich jedoch in einem neuen Sinne: Ich lebe in einem weiten Raum.
Leben im weiten Raum
Er ist weit, denn er ist ohne Kommentar. Er ist ohne Verpflichtung, etwas zurecht zu biegen. Und was mich sehr entlastet: Es ist ein Raum ohne Ziel. Nichts muss sich auf etwas hin entwickeln. Alles darf das sein was es ist oder war. Mein gegenwärtiger Raum wird nicht als Transitzone, Warteraum für ´etwas Höheres´ entwertet, das ich erst erreichen muss.
Ich lebe also keines von angepriesenen Idealen, sei es: frei, glücklich, ganz. Sondern ich lebe meine Freiheit als einen unbesetzten Ort. Niemand muss ihn mehr deuten, damit er für mich bedeutsam ist. Wenn mir danach verlangt, dann darf ich mit Bedeutungen spielen. Ich darf sie jedoch wieder wie Spielzeuge beiseite legen. Meine innere ´Ordnung´ bedarf ihrer nicht.

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