Der Innere Raum
- sabinebobert
- 27. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 4. Jan.
(Essay zu einem gleichnamigen Buch, das 2026 erscheinen wird)
Warum Identität Ungestörtheit braucht
Identität entsteht nicht dort wo man gesehen wird.
Sie entsteht dort, wo man nicht unterbrochen wird.
Das widerspricht einer Kultur, die Identität an Ausdruck, Sichtbarkeit und Resonanz bindet. Man soll sagen, wer man ist. Zeigen, wofür man steht. Sich verorten. Doch all das geschieht im Außen – im Raum der Reaktionen. Identität jedoch hat eine andere Herkunft. Sie braucht einen Raum, in dem niemand antwortet.
Einen inneren Raum.
Identität ist kein Produkt von Interaktion
Soziale Theorien erklären Identität gern dialogisch: Ich werde, wer ich bin, im Spiegel der anderen. Doch diese Sicht übersieht etwas Entscheidendes: Bevor jemand in Beziehung tritt, muss er da sein.
Ein Mensch, der nie ungestört ist, wird nicht sozial – er wird fragmentiert. Ständige Ansprechbarkeit verhindert innere Kohärenz. Wer permanent antwortet, kommt nie bei sich an.
Identität braucht einen Vorraum der Beziehung: einen Zustand, in dem nichts gefordert ist.
Ungestörtheit ist kein Luxus
Ungestörtheit gilt heute als Privileg. Als Rückzug, als Eskapismus, als Verweigerung. Doch anthropologisch ist sie eine Voraussetzung. Schon Kinder brauchen Phasen, in denen sie nicht adressiert werden, nicht korrigiert, nicht beobachtet.
Der britische Psychoanalytiker Donald Winnicott sprach vom ´allein sein in Gegenwart eines anderen´ - jener paradoxen Fähigkeit, sich innerlich zurückzuziehen, ohne verlassen zu sein. Dieser Raum ist kein Rückzug aus der Welt sondern die Bedingung dafür, ihr überhaupt standhalten zu können.
Störung zerstört Innenräume
Störung ist nicht nur Lärm. Sie ist jede Form von Zugriff. Erwartung. Bewertung. Nachfrage. Wer ständig gefragt wird, wer er ist, verliert den Raum, es zu sein.
Identität ist empfindlich gegenüber Unterbrechung. Sie wächst langsam, leise, oft unspektakulär. Sie braucht Wiederholung ohne Kommentar, Dauer ohne Zweck, Präsenz ohne Publikum.
Wo alles sofort geteilt, reflektiert, optimiert werden muss, bleibt kein Raum für das Unfertige – und damit kein Raum für Identität.
Der innere Raum ist nicht leer
Ungestörtheit wird oft mit Leere verwechselt. Doch der innere Raum ist nicht das Nichts. Er ist dichte. Er ist bevölkert von Empfindungen, Bildern, Spannungen, Erinnerungsfragmenten, die noch keinen Namen haben.
Der französische Philosoph Gaston Bachelard beschrieb diesen Raum poetisch als einen Ort der Verdichtung, nicht der Abwesenheit. Innenräume sind keine Fluchten – sie sind Verdichtungen des Seins.
Identität entsteht genau dort, wo nichts gesagt werden muss.
Öffentlichkeit frisst Identität
Je öffentlicher das Selbst wird, desto weniger gehört es sich selbst. Selbstinszenierung ersetzt Selbstverhältnis. Das Ich wird zur Figur, die konsistent bleiben muss, zur Marke, zur Geschichte.
Doch Identität ist nicht konsistent. Sie ist lebendig.
Sie braucht Zonen, in denen sie widersprüchlich, unklar, wechselhaft sein darf – ohne Erklärung, ohne Publikum, ohne Feedback. Ungestörtheit ist der Schutzraum dieser Unordnung.
Warum Einsamkeit nicht dasselbe ist
Ungestörtheit ist nicht Einsamkeit. Einsamkeit ist Mangel an Beziehung. Ungestörtheit ist Freiheit von Zugriff. Man kann allein sein und dennoch gestört – durch innere Antreiber, verinnerlichte Erwartungen, imaginierte Blicke
Der innere Raum entsteht erst dort, wo auch diese inneren Störungen zur Ruhe kommen. Wo niemand – auch kein verinnerlichtes Publikum – etwas will.
Identität als stiller Bestand
Vielleicht ist Identität nichts was man macht sondern etwas, das bleibt, wenn nichts gemacht wird. Ein stiller Bestand, der nicht aus Eigenschaften besteht sondern aus Anwesenheit.
Ungestörtheit ist dann kein Rückzug aus der Welt sondern die Voraussetzung dafür, nicht von ihr verschluckt zu werden.
Identität braucht Ungestörtheit weil sie leise ist. Weil sie sich nicht behauptet. Weil sie nicht erklärt werden will. Und vielleicht ist der innere Raum genau das: der Ort, an dem niemand etwas von uns will – nicht einmal wir selbst.

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