Zeit ohne Narrativ
- sabinebobert
- 28. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit
(Essay aus meinem Buch über Zeit als Machtform, als Bewusstseinsstruktur und als zerstörte mögliche Erfahrung. Erscheint 2026)
Wo nichts gesteuert werden muss, gibt es keine Zeit.
Zeit wird fast immer erzählt. Sie bekommt Richtung, Sinn, Steigerung. Anfang, Krise, Wendepunkt, Entwicklung.
Diese Erzählung ist so selbstverständlich geworden, dass wir kaum bemerken, wie sie unser Leben kolonisiert.
Zeit ohne Narrativ wirkt daher zunächst wie ein Defekt. Wie Stillstand. Wie Verlust von Sinn.
Und doch ist sie etwas anderes: die erste Zeitform nach der Gewalt.
Narrativ als Überlebensstruktur
Unter Gewalt braucht Zeit ein Narrativ. Nicht aus ästhetischen Gründen sondern aus Notwendigkeit. Narrativ ordnet was war, was ist, was ertragen werden muss, was später vielleicht anders wird.
Erzählung schafft Halt wo kein Halt ist.
Sie macht das Unerträgliche erträglich, indem sie es in eine Bewegung einbindet.
Das Problem beginnt nicht im Erzählen. Es beginnt dort, wo Erzählen zur Bedingung von Existenz wird.
Wenn das Narrativ endet
Nach dem Ende der Gewalt bricht das Narrativ oft einfach ab.
Nicht dramatisch. Nicht als Erkenntnis.
Es hört auf, weil es nichts mehr ordnen muss.
Zurück bleibt eine Zeit, die nichts erzählt.
Tage ohne Pointe.
Wochen ohne Entwicklung.
Momente ohne Bedeutung.
Diese Zeit wird häufig missverstanden als Leere, Sinnverlust, als Krise.
Dabei ist sie etwas anderes: Zeit ohne Funktion.
Zeit ohne Funktion
Zeit ohne Narrativ dient nichts. Sie ist nicht auf Zukunft ausgerichtet. Sie erklärt nicht Vergangenheit. Sie wertet die Gegenwart nicht. Sie ist einfach da.
Das ist ungewohnt, weil wir gelernt haben, Zeit zu nutzen, zu füllen, zu rechtfertigen.
Zeit ohne Narrativ entzieht sich dem Zugriff. Sie lässt sich nicht erzählen. Nicht optimieren. Nicht rechtfertigen.
Und genau darin liegt ihre Würde.
Die Befreiung von der Entwicklungslogik
Zeit ohne Narrativ kennt keine Entwicklung. Nicht im Sinne von Fortschritt, Reifung, Verbesserung. Das bedeutet nicht Stillstand. Es bedeutet Entlastung.
Das Leben muss nicht mehr beweisen, dass es unterwegs ist. Es darf stehen, gehen, bleiben. Zeit wird nicht mehr Maßstab sondern Raum.
Bewohnbare Zeit
Zeit ohne Narrativ ist bewohnbar. Man kann in ihr müde sein ohne Rückschritt, ruhig sein ohne Resignation, gleich bleiben ohne Versagen.
Sie trägt nicht durch Sinn sondern durch Abwesenheit von Forderung.
Vielleicht ist das die radikalste Veränderung nach Gewalt: Zeit hört auf, etwas von uns zu wollen.

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