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Die Kirche als Untoter

Die evangelische Kirche als Institution ohne Gegenwart


Die evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ist nicht tot. Und genau das ist ihr Problem. Sie existiert weiter, zuverlässig, geordnet und rechtlich abgesichert. Ihre Gebäude stehen oder werden verkauft, ihre Gremien tagen, ihre Haushalte werden geplant und es werden Stellungnahmen verfasst. Sie beschäftigt Hunderttausende, besitzt Land und Immobilien und ist ein wirtschaftlicher Faktor.


Und doch wirkt sie auf viele, als hätte sie den Raum der Lebendigen verlassen. Dies meine ich nicht im Sinne des Glaubens sondern im Sinne geteilter Gegenwart. Man kann sie betreten wie einen Raum der von jemandem einst bewohnt wurde. Alle Möbel stehen noch da, vielleicht ist auch der Tisch noch gedeckt. Aber niemand lebt mehr hier.



Untotheit ist kein Zusammenbruch


Wer darauf wartet, dass die Kirche(n) stirbt, setzt mit einer falschen Erwartung ein. Denn Institutionen wie die Kirche(n) sterben nicht spektakulär. Weder stürzen sie ein noch werden sie abgeschafft. Sie verlieren etwas viel Substantielleres: die Resonanz.


Die evangelische Kirche findet weder ein gewaltsames Ende noch wird sie verfolgt. Ihr Sterben liegt in einer institutionellen Persistenz (Fortbestehen) ohne existentielle Funktion. Sie läuft weiter obwohl fast niemand sie mehr braucht, um die Welt zu verstehen, Leid zu deuten oder Ordnungen zu legitimieren. Das ist kein Skandal. Das ist ein Zustand.



Wozu Kirche einmal da war


Historisch betrachtet erfüllte die Kirche viel wichtige Aufgaben: Sie deutete die Welt. Sie rahmte die Moral. Sie strukturierte das Zeiterleben in Festen, Ritualen und Lebensübergängen. Und sie integrierte Menschen sozial.


Diese Funktionen waren nicht nur schmückend sondern systemtragend. Die Kirche blieb nicht nur „eine Meinung“. Sie war der Rahmen, auf den sich Meinungen überhaupt bezogen. Dieser Rahmen ist heute nicht verschwunden. Er wurde ersetzt.



Die stille Ablösung durch andere Systeme


Was einst die Kirche leistete, das leisten heute andere Instanzen. Für Sinnzumutung ist heute ein eng bestückter Markt aus Psychologie, Coaching und Selbstoptimierung zuständig. Moral wird verbreitet über Medien, Diskurse oder durchgesetzt durch soziale Sanktionen. Ordnung wird gestiftet von Verwaltungen, Recht und Markt. Gemeinschaft findet sich auf Plattformen, in Milieus oder in temporären Netzwerken.


Entscheidend ist dabei nicht, dass diese Ablösung stattfand sondern wie geräuschlos sie sich vollzog. Es brauchte keinen offenen Bruch. Die Kirche wurde schlicht überflüssig. Und Überflüssig zu sein ist für Sinninstitutionen tödlicher als bekämpft zu werden.



Warum sie dennoch weiter existiert


Die evangelische Kirche überlebte ihren eigenen Tod, weil sie strukturell vom Glauben entkoppelt wurde. Kirchensteuer, Körperschaftsstatus, Staatsverträge – all das ermöglicht ihr eine Weiterexistenz ohne Zustimmung. Man muss nicht glauben um zu zahlen. Man muss nicht an ihr teilnehmen, um ihre Struktur zu erhalten.


So entsteht ein paradoxer Zustand: Wir haben eine Institution, der nicht mehr geglaubt, die nicht mehr gebraucht aber weiter finanziert wird.



Untotsein als spezifisch religiöser Zustand


Es gibt andere Institutionen – Universitäten, Medien, Parteien – die nervös, reformerisch, moralisierend oder unter Einsatz von Technik auf ihren Bedeutungsverlust antworten. Sie sind dazu gezwungen, relevant zu sein um nicht zu sterben. Religiöse Institutionen hingegen kennen solchen Druck nicht. Sie sind seit jeh auf Dauer statt auf Gegenwart hin gebaut. Leere Zeiten sind sogar im theologischen Inventar vorhergesehen und entsprechend deutbar: als Wüste, Prüfung, als Rest oder kleine Herde.


Kirchen wirken daher nicht panisch sondern nur blass oder müde. Sie müssen nicht kämpfen, nur korrekt bleiben. So können sie, wenngleich leer, weitere Jahrhunderte überdauern.



Sprache ohne Zentrum


Wer kirchliche Texte liest oder hört, verspürt schnell Irritation oder ein Vakuum. Denn auch die Texte wirken paradox: viel Sprache über wenig Dringliches, viel Haltung ohne eigenes Risiko. Die Sätze sind politisch vorsichtig und moralisch anschlussfähig sauber gesetzt. Ansonsten müssen sie nichts leisten, denn es gibt keine existentielle Notwendigkeit beim Sprecher.


Die Kirche stört auch nicht. Weder sagt sie etwas das man nicht auch ohne sie sagen könnte. Noch setzt sie überraschende neue Frames. Sie rahmt nur noch Bekanntes und Anerkanntes nach. Eine Sinninstitution, die nur noch kommentiert, hat ihre Achse verloren.



Warum niemand sie mehr zur Systemstabilisierung braucht


Zu ihren Glanzzeiten stabilisierte die Kirche Herrschaft, Leidensbereitschaft und soziale Ordnungen. Heute leisten dies effizientere, besser vernetzte Systeme. Um Loyalität zu erzeugen, braucht der Staat die Kirche nicht mehr. Auch der Markt kann auf sie verzichten, um Disziplin zu sichern. Und für Schuld, Sinn und Tod hat die Gesellschaft zeitgemäßere Erklärungen bereit. Die Kirche ist damit funktionslos geworden, ohne funktionslos zu wirken. Sie ist sichtbar aber nicht wirksam. Das ist die eigentliche Definition von Untotheit.



Warum das kein Angriff auf Glauben ist


Nichts davon sagt etwas über Irrelevanz von Spiritualität. Im Gegenteil: Sinn, Glaube und Erfahrung ziehen sich meist zurück, sobald sie von Institutionen verwaltet werden. Das Lebendige überlebt meist außerhalb der Apparate in kleinen, unmarkierten Räumen. Ein institutioneller Niedergang ist meist nicht das Ende von Sinn sondern seine Freisetzung.



Solides Denkmal


Die evangelische Kirche wird also nicht verschwinden. Sie wird weiter bestehen wie ihre soliden Bauwerke. Man kann diese und auch jene betreten, auch darin arbeiten und sie verwalten. Doch man wird nicht darin leben. Institutionen sterben nicht daran, dass andere den Glauben an sie verlieren. Sie sterben sozial, wenn sie ihre Bedeutung verlieren.


Die Kirche zehrt heute vor allem von ihrer reichen Vergangenheit. Dies gilt auch in finanzieller Absicherung. Das ist nicht skandalös, aber auch nicht lebendig.


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