Von Güte die trägt und Güte die bricht
- sabinebobert
- 3. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Über spirituelle und kirchliche Moral
Es gibt Grausamkeit, die kommt nicht gewaltsam sondern als Güte einher. Sie verbreitet Forderungen, die freundlich formuliert sind, mitunter sogar als Einladung. Heutige spirituelle oder auch kirchliche Moral wirkt selten brutal. Sie duftet sanft mit ihren blumenreichen Sätzen über Liebe, Vergeben und Hoffen.
Genau in dieser Sanftheit liegt ihre Gefährlichkeit. Sie bittet statt strafend zu sein. Sie wiederholt und erinnert statt zu drängen. Sie apelliert an das Beste im Menschen und überfordert ihn mit überhöhten Idealen.
Moral als stilles Maß
Moral wirkt vor allem dort, wo sie vorausetzt statt thematisiert wird. Man soll lieben, nicht aggressiv sein, ausharren und hoffen statt Grenzen zu setzen. Atmosphärische Botschaften schweben wie Engel im Raum. Wer anders denkt, beginnt sich innerlich zu rechtfertigen.
Moral ist weniger ein Regelwerk denn ein Maß, an dem Existenz gemessen wird. Und spirituelle Ideale sind oft zu hoch.
Vergebung als Zumutung
Nehmen wir den hoch im Kurs stehenden Begriff ´Vergebung´. Auch die spirituelle Szene hat ihn, beispielsweise im „Kurs in Wundern“, als Tor zum Glück in die Mitte gerückt. Vergebung gilt als befreiend. Wer dem Täter vergibt, löst sich angeblich vom Täter.
Was in dieser idealen Welt ausgeblendet wird, ist die Realität vieler Opfer. Sogar der biblische Psalter hält in seinen Rachepsalmen an einem anderen Weg der Befreiung fest (vgl. auch das aus Opfersichte geschriebene Buch von Cornelia Faulde, Wenn frühe Wunden schmerzen).
Für jahrelang gepeinigte Opfer ist nicht-Vergeben kein moralisches Versagen sondern eine existenzielle Grenze. Beim Überschreiten würden sie sich selbst verlieren. Nicht-Vergeben ist ein Schutzraum, eine Treue zu sich selbst und die Weigerung, das Geschehene zu relativieren.
Für sie geht es nicht um Verhärtung oder Unreife oder mangel an spiritueller Moral. Sondern man spürt fein: Wer Vergebung einfordert, der verschiebt den Diskurs von der Gewalterfahrung auf die Reaktion darauf.
Versöhnung als Endpunkt
Noch eine Stufe weiter geht, wer nach Vergebung auch noch die Versöhnung einfordert. Versöhnung sei der Punkt, auf den alles zulaufen soll. Erst sie mache die Geschichte rund und führe zu ihrem Abschluss.
Doch nicht jede Geschichte lässt sich abschließen. Nicht jede Beziehung darf wieder aufgenommen werden. Auch Cornelia Faulde weist aus eigener Erfahrung darauf hin, dass viele Täter gewaltsam waren aus Mangel an eigener Reife. Das Opfer entwickelt sich oft weiter, doch die Täter nur selten. Sie streiten alles ab und beschuldigen erneut das Opfer.
Versöhnung verlangt Nähe, gegenseitiges Einvernehmen und Sprachfähigkeit. Für viele Opfer würde dies bedeuten, sich erneut schutzlos dem Diskurs der Täter auszuliefern. Die eigenen Instinkte erneut beiseite zu fegen und schon wieder über eigene Grenzen zu gehen.
Wo Versöhnung zur Norm wird, wird das Unversöhnte moralisch entwertet.
Liebe als Pflicht
Auch in puncto Liebe kommt man aus der kirchlichen Erwartung als Regen schnell in die Traufe der Spirituellen. Liebe bleibt das höchste Gut – und zugleich die größte Überforderung. Man soll die Feinde lieben oder den Täter karmisch motiviert als Aufgabe sehen. Ausgeblendet wird dabei, dass Lieben kein Willensakt ist. Sie ist nicht verfügbar wie Spendengeld.
Vor allem nach Erfahrungen von Gewalt ist diese Forderung unangemessen. Sie übergeht schon wieder eigenes Erleben und eigene Impulse, besetzt den Inneren Raum übergriffig, entwertet die eigenen Erfahrungen und setzt Forderungen damit Zugehörigkeit gewährt wird. Bei Menschen, die sich erstmal nach nichts mehr sehnen als nach Schutz und Sicherheit unterläuft die Liebesforderung in ihren vielen Gestalten den Wunsch nach Distanz und Raum für eigene Gefühle.
Wo Liebe eingefordert wird, verliert sie ihr Wesen als freie Antwort. Sie wird zur Leistung. Und nicht abelieferte Liebe erscheint als Schuld gegenüber den Tätern.
Moral und Schuldverschiebung
Spirituelle und kirchliche Moral sind selten offen beschuldigend. Sie üben subtiler Druck aus. Statt „Warum bist du so?“ fragen sie: „Was hindert dich?“ „Warum kannst du nicht vergeben?“ Solche Fragen wirken verständnisvoll. In Wahrheit verschieben sie die Last. Nicht mehr die Gewalterfahrung und ihre Auswirkungen stehen im Mittelpunkt sondern die erwünschte Reaktion beim Betroffenen.
Auf diese Weise wird Moral zur sekundären Gewalt. Druck und Rechenschaftspflicht belasten das Opfer erneut.
Die Unsichtbaren
Aus Schutz ziehen sich Betroffene in die Unsichtbarkeit zurück. Sie finden keinen Ort und gelten als erklärungsbedürftig weil ´unversöhnt´. Man ist anwesend aber kommt innerlich nicht vor.
Gott jenseits der Moral
Eine post-traumatische Theologie löst Gott von der Moral. Nicht weil ethische Normen unwichtig seien sondern weil Gott nicht ihr Vollstrecker ist. Gott ist nicht moralisch im Sinne eines Anspruchs. Er verlangt nichts was Leben zerstört und überfordert.
Eine gefährliche Güte
Moral entlastet nicht, wenn sie mehr fordert als das Leben tragen kann. Sie wird gefährlich, wenn Güte nicht begrenzt wird und hingeschaut wird, was sie anrichtet. Wer das nicht aushält, kann echte Opfer nicht lieben und verweigert selbst Güte. Es geht bei Güte nicht darum, mit Normen Recht zu haben.
Nicht-Vergebung ist vielleicht kein Mangel sondern eine Form der Wahrheit.
Gott steht vielleicht nicht länger hinter überfordernden Idealen sondern kommt denen nahe, die nichts mehr leisten können, auch in idealer Weise Güte nicht.

Kommentare