Über die Gewalt religiöser (und spiritueller) Sprache
- sabinebobert
- 3. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
(Aus meinem Buch über Post-traumatische Spiritualität)
Es gibt Gewalt, die schreit. Und es gibt Gewalt, die spricht. Die zweite ist schwerer zu erkennen. Denn sie droht nicht sondern sie deutet. Sie befiehlt nicht. Ihr Werkzeug sind Sätze, die gut gemeint sind. Sie verletzt nicht durch respektlose Lautstärke sondern durch ein Zuviel an Nähe.
Religiöse Sprache zählt zu dieser zweiten Form. Sie will Menschen nahetreten um zu trösten, zu ordnen, zu öffnen. Sie meint es gut, wenn sie von Gott, Sinn, Hoffnung oder Heil spricht. Und genau darin liegt ihre formende Macht. Sie greift nicht offensichtlich an sondern sie greift ein.
Die Unschuld der Worte
Kirchliche Sprache gilt als unschuldig bis würdevoll. Bei Dietrich Bonhoeffer wird die Predigt sogar zu „Christus, der durch die Gemeinde schreitet“ und zum „Wort, das trägt“. Worte werden als Gefäße für Größeres verstanden. Sie deuten sogar Gott aus. In der evangelischen Kirche gilt die Predigt weiterhin als wichtigstes Vehikel der Heilsvermittlung.
Wenn ihre Worte verletzen, dann liege das an unglücklichen – zum Beispiel nicht inklusiven – Formulierungen oder an Missverständnissen.
Wer sich mit der Jüngel-Dalferth-Linie (und darin Austin) in der evangelischen Theologie beschäftigt hat, weiß jedoch: Sprache wirkt performativ, Wirklichkeit im Vollzug setzend, noch bevor jemand zustimmen kann. Sie ist, vor allem im religiösen Kontext, kein neutrales Gefäß sondern eine Handlung. Wer spricht, der (die) ordnet: Zeit, Erfahrungen, Bedeutungen.
Religiöser Sprache räumt man sogar besondere Autorität ein.
Sprache als Zugriff
Religiöse Worte greifen ein, oft ohne zu fragen: „Gott ist bei dir“, „Das hat seinen Sinn“, „Du bist nicht allein“. Ähnliches gilt für Sätze aus der spirituellen Szene. Diese Sätze gelten nicht als Angebote sondern werden als Tatsachen formuliert, die Geltung beanspruchen.
Wer nicht voll präsent ist, erkennt nicht schnell genug die Zumutung, die einen darin trifft. Erfahrung wird dann nicht geschützt sondern überformt. Worte können sich auf singulären Erfahrungen ausbreiten wie eine Decke, die zwar wärmend gemeint ist aber Eigenes erstickt.
Wirklichkeit deutende, setzende Sprache wird leicht übergriffig für Erfahrungen, die jemand anders noch nicht deuten oder abgrenzend äußern konnte.
Benennen statt bewahren
Kirchliche Sprache will Gott als Unsichtbaren und den menschlichen Innenraum klar benennen. Hoffnung soll besungen und formuliert sein, Leid benannt werden und Schuld, Verantwortung und Sünde lassen sich scheinbar klar in große Worte fassen.
Dieses Benennen gilt als Wahrheit. Wer über Großes schweigt, scheint noch nicht in kirchlicher Klarheit angekommen zu sein.
Doch Benennen ist kein neutraler Akt. Es bestimmt über Timing in Prozessen und bringt in Formen, die mitunter gar nicht passen. Der Benennzwang kann sogar das verletzen, was er zu retten vorgibt.
Metaphern die führen
Wer die theologische Schule von Eberhard Jüngel durchlaufen hat, weiß um die Macht metaphorischer Rede: Weg, Licht, Heil, Kreuz, Auferstehung. Sie formen Wahrnehmung. Sie erzeugen Erwartungen und ordnen Zeit. Metahpern sind nicht schmückende Poesie sondern sie sind der Rahmen, in dem Erfahrung lesbar wird.
Was aber, wenn Erfahrung nicht hineinpasst? Wenn jemand einen Ort sucht aber keinen Weg? Wenn jemand lineares Denken und sich-selbst-Verstehen endlich hinter sich lassen will und sich im nunc stans, einem Zeit-Raum als stehendem Jetzt, viel wohler fühlt? Wer falsch gelesen wird, dessen Erfahrungen werden unsichtbar.
Gottesrede als Deutungshoheit
„Gott trägt dich“, „Gott führt dich“, „Gott wird dich nie verlassen“ - diese Sätze mögen trösten. Doch sie wirken schwer diskutierbar. Denn sie erheben einen Anspruch, der nicht mit Widerspruch rechnet.
Sie eignen sich Erlebtes an und binden es an eine übergeordnete Erzählung. Statt schwer Benennbares nur als Erfahrungsraum zu öffnen, wird der Mensch eingeschlossen. So kann er aus einer Deutungshoheit wie z.B. aus den Stories seines Elternhauses, ohne bei sich anzukommen und einen Innenraum zu entwickeln, in die nächste Struktur überwechseln, die sich seiner Erfahrungen – gut gemeint – bemächtigt. Religiöse Sprache wird dann zur zweiten Überformung.
Die Pflicht zur Sprache
Es gibt dankenswerterweise inzwischen offene Methoden wie den „Bibliolog“ (Uta Pohl-Patalong) oder auch das „Bibliodrama“ (Gerhard Marcel Martin). Sie reagieren auf die Deutungsmacht von oben, die menschliche Innenräume dicht macht. Statt Sprachlosigkeit im reinen „Hören“, Bekennen und Mitsingen werden Menschen ermutigt, sich selbst zur Sprache zu bringen.
Dies ist wichtig, denn Sprachlosigkeit ist für viele Menschen kein Übergang sondern ein Lebenszustand. Das diese Menschen die meiste Zeit ihres Lebens zum Aufnehmen von Inhalten, nicht jedoch zum Ausdrücken ihrer Wahrnehmungen und Erfahrungen (ohne anschließende Verwertbarkeit) eingeladen wurden.
Gotteserfahrung und -gegenwart jenseits der Rede
Wer auf einem mystischen Weg wie mit dem Jesusgebet unterwegs ist, und ebenso die Menschen, die bei Abraham Maslow mit ihren Einheitserfahrungen zu Sprache kommen, der weiß: Gott ist nicht auf Worte angewiesen. Menschen begegnen ihm mitunter leichter dort, wo Schweigen herrscht und nicht gesprochen wird (vgl. das Lied des Meditationsschülers von Madame Guyon: Tersteegen „Gott ist gegenwärtig“).
Im Verzicht auf Deutung wird das Unausgesprochene - sei es ´Gott´ oder der eigene Innenraum - geschützt.

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