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Leben ohne Erlösungsfigur. Wenn Gegner und der Kampf sterben

(aus meinem Buchprojekt: Posttraumatisch leben)



Der erlösende Gegner


Erlösungsfiguren sind selten so beschaffen wie man sie sich klischeehaft ausmalt. Sie kommen im Alltag nur selten als Guru, göttlich oder mit Heilsversprechen daher. Oft treten sie als Gegner auf. Damit meine ich jemanden, gegen den man lebt.



Die unsichtbare Bindung


Man glaubt von sich, man habe sich längst befreit, sei es von der Mutter, Systemen, Ideologien oder einem Täter. Erst viel später wird klar: Ich habe nur die Bindungsform gewechselt. Das Gegen bleibt ein starkes Band. Es liefert Richtung, setzt Energie frei und schafft Identität. Solange es ein Gegen-Gegenüber gibt, weiß man wer man ist.



Der Tod der Erlösungsfigur


Wenn eine Erlösungsfigur stirbt – die Mutter, die Ordnung, der Täter als Gegner – dann stirbt nicht nur eine Beziehung. Es bricht eine Lebensarchitektur zusammen. Man muss die Figur – Gegner oder Täter – nicht geliebt haben. Es genügt, dass man sich an ihm bzw. gegen ihn ausgerichtet hatte. Der Schmerz des Verlustes stammt dann nicht aus Trauer sondern aus Orientierungslosigkeit: Wofür lebe ich, wenn niemand mehr da ist, dem ich entkommen, widerstehen oder beweisen muss?



Warum viele dann lieber in Gewalt bleiben


Nach dem Wegfall einer Erlösungsfigur (das meint auch eines Gegners) suchen viele Menschen instinktiv Ersatz. Ein narzisstischer Partner, ein zerstörerisches System, ein tiefer Konflikt geben etwas Vertrautes zurück: Spannung, Richtung, Notwendigkeit. In alter Überlebenslogik spürt man: Solange man kämpft, ist man noch jemand. Das ist ein uraltes Muster.



Der Kampf als letzter Halt


Der Kampf ist oft die letzte Erlösungsfigur. Es geht dabei nicht um Sieg oder Versöhnung. Es geht um das Dagegensein selbst. Auch Hass gibt Halt. Er muss nicht in Handlungen Gestalt gewinnen. Oft reicht seine Energie. Sie hält wach und bewegt wenn alles andere still geworden ist. Sie hält den Körper aufrecht wenn nichts mehr ruft.



Der Moment in dem der Kampf stirbt


Irgendwann, selten planbar und herstellbar, wird selbst der Kampf müde. Nicht aus Reife oder Einsicht. Er weicht einem neuen Zustand, für den es kaum Worte gibt: ohne neuen ´Gott´, ohne Gegner, ohne neue Ideale, Systeme oder Gegen-Systeme.


Das Kämpfen weicht der Anwesenheit. Das meint keinen Frieden. Es enthält keinen Sinn. Es ist ein strukturloses Nicht-mehr-Getragensein von dem was war.



Warum dieser Zustand so beängstigend ist


Erlösungsfiguren, auch negative, nehmen einem die schwerste Aufgabe ab (und ich spreche von Erlösung in dieser Richtung): selbst da zu sein ohne Begründung.


Ohne Mission, ohne Opferrolle und auch ohne Befreiungskampf. Wenn all diese Strukturen wegfallen, fällt man nicht (endlos oder um). Man steht plötzlich ungestützt. Das fühlt sich leer an – aber auch unheimlich (im Sinne von noch nicht heimisch) echt.



Leben ohne Erlösungsfigur


Ein Leben ohne bisherige und neue Erlösungsfiguren (vom selbst da sein ohne Begründung) folgt keiner Dramaturgie mehr. Es kennt keinen Höhepunkt auf den alles zuläuft. Es stützt sich auf keine Rechtfertigung und liefert keinen Beweiswert ab. Selten wirkt es exemplarisch (heilig), vorzeigbar oder erzählbar. Es veranschaulicht keine reife Ernte nach langen Therapien und lässt sich schwer für politische Lager vereinnahmen. Es ist unspektakulär statt sensationell. Und genau das macht es so schwer zu ertragen.



Kein neues Ideal


Entscheidend ist: Dieser Zustand nach dem Zusammenbruch tragender Strukturen (Erlösungsfiguren, Gegner) verlangt kein neues Ideal. Er steht nicht für: mehr Selbstliebe, umfassende Heilung, politische Freiheit, markige Authentizität. All das wären neue Erlösungsfiguren.


Was bleibt ist etwas Kleineres: Körper im Raum; Zeit die vergeht; Handlungen ohne Rechtfertigung; Beziehungen ohne Mission. Der neue Zustand ist nicht schön, nicht hässlich, einfach da.


Ein Leben ohne Erlösungsfigur ist kein ideales, vorbildliches Leben. Es ist ein nicht mehr benutztes Leben. Vielleicht ist genau das nach dem Erkennen der Gewalt von Systemen, nach Bindung an Gegner, nach jahrelangem Sich-Beweisen die erste Form von Würde, die niemand mehr nehmen kann.

 
 
 

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