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Warum Gruppen Identität eher zerstören als stiften

Es gehört zu den hartnäckigsten Selbstverständlichkeiten der Moderne, dass Gruppen Identität ´geben´. Familie, Kaste, Milieu, Nation, Partei, Kirche, Szene – irgendwo, so heisst es, müsse der Mensch doch ´andocken´, um zu wissen wer er ist. Identität als etwas, das entsteht, indem man dazugehört.


Doch diese Annahme ist nicht nur fragwürdig. Sie ist – bei genauem Hinsehen – geradezu umgekehrt. Gruppen stiften selten Identität. Sie zerstören sie.



Identität ist kein Kollektivprodukt


Identitität entsteht nicht durch Addition. Sie ist kein Resultat von Gleichgesinnten, keine Schnittmenge gemeinsamer Merkmale, kein Wir-Gefühl. Identität ist etwas radikal Singuläres: eine unvertauschbare Weise, in der jemand in der Welt steht, wahrnimmt, fühlt, denkt, leidet, hofft.


Gruppen dagegen operieren notwendig mit Abstraktionen. Sie müssen Unterschiede glätten Abweichungen neutralisieren, Eigenarten reduzieren. Wer dazugehört, soll passen. Nicht vollständig – aber ausreichend.


Was dabei entsteht, ist nicht Identität sondern Rolle.



Gruppen brauchen Vereinfachung – und Vereinfachung frisst Innenleben


Jede Gruppe – ob freundlich oder feindlich, spirituell oder politisch – ist auf Vereinfachung angewiesen. Komplexität ist schwer koordinierbar. Ambivalenz stört. Widersprüche sind gefährlich.


Darum entwickeln Gruppen schnell implizite Regeln: was man sagt und was nicht, wie man fühlt (oder fühlen sollte), worüber man lacht, was als ´Problem´ gilt und was nicht. Das Innenleben des Einzelnen wird dabei zweitrangig. Wichtig ist die Anschlussfähigkeit. Wer zu komplex wird, zu langsam, zu empfindlich, zu quer, gefährdet den Gruppentakt.


Identität aber lebt genau von diesen vermeintlichen Störungen.



Die Psychologie der Masse: Regression statt Reifung


Schon frühe Massenpsychologen wie Gustave Le Bon beschrieben, dass Menschen in Gruppen nicht ´mehr sie selbst´ sondern weniger werden. Verantwortung diffundiert. Urteile vereinfachen. Affekte verflachen sich.


Später zeigte Elias Canetti, dass die Masse ein eigentümliches Versprechen macht: Befreiung von Angst – durch Auflösung des Einzelnen. Doch diese Befreiung ist regressiv. Sie führt nicht zu einer vertieften Selbstbeziehung sondern zu einer Entlastung vom Selbst. Man muss nicht mehr fühlen, entscheiden, stehen. Die Gruppe trägt.


Was dabei verloren geht, ist nicht nur Autonomie sondern auch innere Differenziertheit.



Gruppenzugehörigkeit ersetzt Selbsterfahrung durch Spiegelung


Gruppen erzeugen Identität nicht von innen sondern von außen. Man erkennt sich im Blick der anderen: Zustimmung, Applaus, Status, moralische Aufwertung.


Das fühlt sich nach Identität an – ist aber eine Spiegelidentität. Sie existiert nur, solange der Spiegel da ist. Fällt die Gruppe weg, bleibt Leere.


Wirkliche Identität hingegen entsteht oft gerade dort, wo keine Resonanz mehr da ist: in Einsamkeit, in Entscheidungssituationen, in inneren Konflikten, in Brüchen. Sie ist nicht bestätigungsbedürftig. Sie trägt sich selbst.



Gruppen arbeiten mit Loyalität – Identität mit Wahrheit


Gruppen verlangen Loyalität. Explizit oder implizit. Loyalität zur gemeinsamen Sprache, zu Deutungen, zu Feindbildern, zu Hoffnungen.

Identität hingegen verlangt Wahrheit. Auch dann wenn sie unbequem ist. Auch dann wenn sie trennt. Auch dann wenn sie keinen Applaus bekommt.


Hier liegt der eigentliche Konflikt: Wer seiner inneren Wahrheit treu bleibt, wird für Gruppen schnell schwierig. Wer gruppentauglich bleiben will, muss sich innerlich beschneiden.



Warum sich Gruppen trotzdem wie ´Zuhause´ anfühlen


Dass Gruppen Identität zerstören, heißt nicht, dass sie sich schlecht anfühlen. Im Gegenteil. Sie bieten Entlastung von Einsamkeit, Struktur, Vorhersagbarkeit, emotionale Wärme und Sinnangebote. All das ist real. Aber ist ist nicht identitätsstiftend. Es ist regulierend. Gruppen beruhigen das Nervensystem – oft auf Kosten der inneren Wahrheit.


Darum fühlt sich der Austritt aus Gruppen häufig wie Identitätsverlust an. In Wirklichkeit ist es der Moment, in dem Identität überhaupt erst wieder hörbar wird.



Die stille Alternative: Beziehung statt Gruppe


Identität gedeiht nicht im Kollektiv sondern im Beziehungsraum, der Differenz aushält. In Begegnungen, in denen niemand repräsentieren muss, nicht verteidigt werden muss, keine Zugehörigkeit auf dem Spiel steht.


Zwei oder wenige, nicht viele. Offen, nicht organisiert. Ohne Erlösungsversprechen.

Gruppen fragen: Bist du einer von uns?

Identität fragt: Bist du wahr?



Was bleibt


Gruppen stiften Ordnung, nicht Identität. Sie geben Halt aber kein Selbst. Sie beruhigen aber sie vertiefen nicht. Wer Identität sucht, wird in Gruppen oft fündig – aber nur scheinbar. Was er findet, ist Anschluss, nicht Ursprung.


Identität entsteht dort, wo man sich nicht einordnet sondern aushält. Wo man nicht dazugehört sondern steht. Wo man nicht verschmilzt sondern bleibt.

 
 
 

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