Wenn Achtsamkeit zum Rohstoff wird
- sabinebobert
- 21. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 25. Dez. 2025
Evagrius und Zen gegen die Achtsamkeitsindustrie
(Text aus meinen Buchprojekt über Evagrius Ponticus)
Achtsamkeit gilt heute als etwas Gutes. Kaum jemand widerspricht. Denn sie verheißt Ruhe, Klarheit, Präsenz und Selbstregulation. Doch genau darin liegt das Problem. Achtsamkeit selbst ist nicht falsch. Doch sie ist nutzbar geworden wie ein Gebrauchsgegenstand.
Die stille Verschiebung
In der heutigen Form fragt Achtsamkeit meist: Wie kann ich mich selbst besser steuern? Statt: Woran bin ich gebunden?
Akls nützlicher Gegenstand wird sie zur Ressource, zur Technik, zur Kompetenz. Sie schärft beim Fokussieren, klärt das Wahrnehmen und reguliert. Alles dreht sich ums Subjekt in Kontrolle.
Zen wird Mittel
Zen hat nie damit geworben, Menschen leistungsfähiger zu machen. Doch im Westen wurde es darauf verkürzt, entleert und domestiziert. Zazen als Tool dient dem Stressmanagement, als Konzentrationstrainung und avanciert zum mentalen Steroid für Führungskräfte. Nicht, weil Zazen darauf zielt. Sondern weil die Kultur dies praktisch findet.
Evagrius ist nicht integrierbar
Der bildlose Mystiker aus dem 4. Jahrhundert Evagrius Ponticus (+399) ist genau aus diesem Grunde nie populär geworden - im Gegenteil: seine Schriften wurden vernichtet, seine Schüler verfolgt. Denn er bietet weder Methoden noch einen Werkzeugkasten noch einen wirtschaftlichen Nutzen. Er fragt nicht: Was bringt mir das? sondern umgekehrt: Warum kann ich etwas nicht lassen? Das lässt sich schwer vermarkten.
Aufmerksamkeit ohne Zweck
In der Achtsamkeitsindustrie ist Aufmerksamkeit immer gelenkt: auf den Atem, den Körper, den Augenblick.
Bei Evagrius endet auch das. Er spricht von einem Zustand, in dem Aufmerksamkeit kein Objekt mehr hat. SIe ist dann weder fokussiert noch weit. Sie ist frei.
Das attackiert jedes System, das auf Steuerbarkeit aufbaut.
Die subtile Gewalt der Selbstoptimierung
Achtsamkeit kann sanft wirken und dennoch belasten. Denn wer nicht ruhig ist, der hat "nicht richtig geübt". Evagrius vermeidet diese Logik. Bei ihm finden sich weder richtig noch falsch und auch kein Fortschritt. Er unterscheidet nur gebunden oder nicht gebunden sein.
Pointiert:
Die Achtsamkeitsbewegung fragt danach, wie ich mit mir umgehen soll.
Evagrius fragt, weshalb ich mich überhaupt führen sollte. Wo Achtsamkeit noch Menschen reguliert, entbindet sie Evagrius auch davon.

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