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Ken Wilbers Sehnsucht nach Ordnung. Gegen die Leiter

Es gibt Denker, deren Modelle trösten noch bevor man sie verstanden hat. Denn sie versprechen, dass alles irgendwo seinen Platz hat. Ken Wilber gehört zu ihnen. Wer Wilber liest, nimmt nicht nur Inhalte auf. Man liest seine Architektur. Man folgt über Stufen, hinein in Ebenen, navigiert durch Quadranten, entdeckt Linien und sieht Farben. Man ordnet ab da Erlebtes in Entwicklungslogiken ein. Man darf ab jetzt in einem Gebäude wohnen, in dem nichts verloren gehen wird: weder Religion noch Wissenschaft, weder der Körper noch der Geist, weder Ost noch West. Alles ist integriert und bewahrend aufgehoben. Genau hier beginnt das Problem.



Die große Geste der Integration


Wilbers Denken wird von einer großen Geste getragen: Niemand soll Unrecht haben müssen. Jede Perspektive behält Recht, jede Erfahrung wird zu Stufen hinsortiert, jede Wahrheit darf in jeweils ihrem Kontext gelten. Konflikte erscheinen nicht mehr als Brüche sondern als Missverständnisse zwischen Ebenen. Das wirkt großzügig und versöhnlich. Doch Integration ist kein wertfreier Akt. Sie ist eine Ordnungshandlung.


Wer integriert, der entscheidet wohin was gehört. Der sortiert ein in ein Früher und Später. Der bewertet was „noch nicht“ und was „schon weiter“ ist. Integration setzt Entwicklungsrichtung voraus.



Die Leiter im Raum


Wilbers Welt ist gerichtet. Man darf sich bewegen, doch möglichst hin nach oben, nach vorn und hin zu mehr: mehr Bewusstsein und mehr Komplexität und Ganzheit. Diese Bewegung ist die verborgene Norm. Denn wo Stufen sind, gibt es klare Wertungen: höher und niedriger, reifer und unreifer, integriert oder fragmentiert. Das Ordnungsbuch wird zum großen Klassenbuch.



Was in der Integration verloren geht


Wer integrieren will, besteht darauf, dass alles der von ihm vorgegebenen Richtung folgen will. Nichts darf einfach so bestehen, ohne aufzugehen in diesem größeren Ganzen, ohne sich dorthin entwickeln zu wollen. Zielt wirklich alles auf Fortschritt und komplexeren Sinn?


Wilbers System bleibt blind für alles, was sich wiederholt, was weder Sinn liefert oder für komplexe Systeme anschlussfähig ist. Das Leben selbst in seinen Eigenbewegungen ohne Ziel, autopoietische Prozesse, werden vereinnahmt als Vorstufen oder Teilmomente. Sie dürfen nie letzte Instanz bleiben. Sie müssen überschritten und weiter integriert werden.



Die sanfte Gewalt des „Noch nicht“


Wilbers gedanklich wertender Machtacht liegt nicht im Ausschluss sondern im Aufschub. Niemand wird verworfen aber vieles wird wertend vertagt. Du bist nie falsch. Doch du bist noch nicht so weit. Das ist eine freundliche Form der Entwertung. Wer könnte dagegen protestieren? Wer möchte schon gegen „Entwicklung“ sein?



Autopoesis gegen Integration


Hier kollidiert Wilbers entwicklungsbasiertes System mit einem anderen Denken. Autopoiesis, der Prozess der Selbsterschaffung, sagt nicht: „Du wirst etwas“ sondern „Es setzt sich fort, ohne Ziel oder Stufen und ohne ein höheres Ganzes“. Autopoiesis kennt weder Leitern noch Reifehierarchien. Sie benötigt keine externen Ziele. Dieses anti-teleologische Denken verläuft konträr zu Wilbers Hierarchien, Entwicklungslinien und Stufen.



Warum Wilber so attraktiv ist


Wilber bietet Ordnung ohne offenen Zwang, Orientierung ohne hart zu wirken, Entwicklung ohne Brüche oder Revolution. Für eine Kultur, die Menschen viele Fragmente zumutet, wirkt dies wie ein Geschenk. Der Preis von Wilbers Geschenk liegt in der Abwertung des Nicht-Integrierbaren.



Gegen die Erlösungsarchitektur


Wilbers System ist trotz aller Differenziertheit eine große Erlösungsarchitektur. Hierfür benötigt er keine ausdrücklichen religiösen Versprechen. Das Denken, das er strukturell anbietet, verspricht am Ende immer mehr Bewusstheit, mehr Ganzheit und mehr Überblick. Für Unordnung bleibt dabei kaum noch Platz bzw. nur untere Ränge.


Wie auch in den großen scholastischen Theologien oder bei den letzten großen Heilssystemen von Hegel oder Teilhard de Chardin denkt Wilber quasi göttlich, von oben herab. Dies geschieht nicht autoritär sondern systemisch. Autopoietisches Denken hingegen denkt vom Fortgang selbst. Es muss dabei kein Höher oder Weiter geben, es geht einfach weiter.


Vielleicht liegt die eigentliche Freiheit heute darin, nicht bei allem integriert sein zu müssen sondern an einem Punkt bleiben zu dürfen, wertfrei ohne Rückstand, Defizite oder Entwicklungsauftrag. Und vielleicht entscheidet sich genau an diesem Punkt, ob ein Denken Ordnung schafft oder Freiheit erlaubt.

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