Eckehart Tolle und die Kunst, nichts mehr zu verlangen. Die sanfte Stillegung
- sabinebobert
- 12. Feb.
- 3 Min. Lesezeit
Es gibt Lehrer, die sprechen um Menschen etwas Veränderndes zu sagen. Und es gibt Lehrer, die sprechen um zu beruhigen. Eckhart Tolle gehört zu dieser zweiten Kategorie. Man kann ihm lauschen wie Regentropfen. Das ist nichts Bedrohliches. Nichts muss sich dringend ändern. Man muss keine erschreckenden Erkenntnisse befürchten. Und genau darin liegt sein Erfolg.
Eine Stimme für erschöpfte Zeiten
Tolles Stimme stört seine Botschaft nicht. Sie ist die Botschaft: langsam, gedämpft und ohne Ecken und Kanten. Denn er will niemanden wachrütteln, überzeugen, nichts Übersehenes aufdecken. Sie lullt ein.
Das ist, zugegebenermaßen, angenehm in einer Welt die ständig motivieren will und in Dauerreflexionen treibt. Die Stimme selbst teilt mit: Du musst gar nichts, nicht einmal verstehen.
Die Erlösung vom Anspruch
Tolle verspricht keine Freiheit sondern Erleichterung. Er führt Menschen nicht in die Selbstbestimmung sondern entlastet sie. „Leiden“, sagt er, entstehe aus dem Denken. Man sei mit dem Ego identifiziert. Oder man verweile noch in der Vergangenheit – oder der Zukunft?
Wer mag da widersprechen? Was gibt es da noch zu reflektieren? Eine einfache Diagnose, die besticht – und die zugleich alles Entscheidende unangetastet lässt. Fragen bleiben außen vor wie: Wer profitiert von deiner Erschöpfung? Was von deinem Leiden entsteht aus krank machenden Zumutungen? Welche Strukturen halten dich im Leiden fest?
Du musst nur eine einzige Frage bei Tolle beantworten: Warum bist du nicht im Jetzt?
Gegenwart als Beruhigungsmittel
Gegenwart ist bei Tolle kein offener Raum sondern ein Zustand mit Sollwert. Damit du hineinkommst sollst du: nicht reagieren, nicht urteilen, nicht erinnern, nicht fordern. „Gegenwart“ bedeutet damit: Stillegen von Reibung. Verzichte auf alles, was dich in Konflikten hielt, hält oder in Konflikte führen wird. Entsorge deine Vergangenheit mit ihren Verletzungen. Kümmere dich nicht um künftige Ziele. Vergangenheit und Zukunft werden sanft entsorgt, sozusagen eingeschläfert, bis ein „Jetzt“ übrig bleibt, das nichts mehr verlangt und nichts mehr riskiert.
Das Ego als Schuldiger
Tolles Ent-Sorgungs-Strategie wird vor allem Menschen ansprechen, die sich schnell schuldig fühlen, selbst wenn sie Opfer sind. Und die wenig Gespür für Selbstschutz, Grenzen und eigene Bedürfnisse haben. Für sie kommt Tolles genialster Schachzug: Er personalisiert alle Probleme! Weder gegenwärtige Zumutungen sind zu hart. Noch Ordnungen sind gewaltsam. Auch Beziehungen sind nicht übergriffig. Sondern Schuld ist: das Ego!
Das Ego ist bei Tolle der Sammelbegriff für alles, was sich wehrt, erinnert, was begehrt, unterscheidet oder Nein sagt.
Ein stillgelegtes Ego ist ein pflegeleichtes Subjekt. Es braucht weder Grenzen. Noch stellt es Fragen. Noch klagt es jemanden an.
Die Attraktivität der Selbstauflösung
Warum lauschen Menschen Tolles Stimme und seinen Botschaften stundenlang? Wer bezahlt dafür? Weil Tolle etwas erlaubt, das sondern kaum gestattet ist: erschöpft sein ohne zu scheitern. Man darf bei ihm müde sein ohne zu rebellieren. Man darf aus allem aussteigen, auch aus der eigenen Vergangenheit oder Zukunft, ohne auszusteigen. Tolle bietet ein Stillhalten, eine Dauerpause, die nichts mehr verändert – und deshalb so verführerisch ist wie ein Rausch.
Die spirituelle Neutralisierung von Schmerz
Selbst Schmerz ist bei Tolle kein Signal mehr. Er ist bei ihm nur ein Missverständnis. Schmerz wird verabschiedet, indem man ihn beobachtet, durchfühlt und transzendiert. Was verschwindet dabei? Die Information, dass einem Schmerz etwas zu sagen hat – über die eigene Lage.
Stille als Ideal, nicht als Möglichkeit
Stille ist bei Tolle keine Phase oder Wahl. Sie ist die Norm. Man soll still sein, leer und unbeteiligt. Wem dient das? Stille ist nicht unschuldig, je nachdem wer wann worüber und mit welchen Zielen schweigt. Stille kann öffnen. Doch sie kann ebenso verschließen – und das tut sie bei Tolle. Sie verschließt die eigene Geschichte, Widerstand gegenüber Ursachen von Leid und Schmerz, Anspruch auf zum Beispiel eine andere Zukunft, Konflikte mit Verursachern von Leid. In Tolles Leben darf es nicht laut zugehen, keinen Widerspruch geben, soll man nicht querstehen zu Ordnungen.
Er lädt ein in eine Welt, in der alles, was stört, sanft ausgeschaltet wird. Niemand zwingt einen dazu. Tolle lädt einfach ein dazu, zu allem zuzustimmen.
Warum das so gut funktioniert
Eckehart Tolle passt in eine Kultur, die überfordert ist aber unreflektiert und ohne Reibung weitermachen will. Er passt zu Menschen, denen selbst das Aussteigen noch zu mühselig ist und die einfach nur noch abschalten wollen – alles, was sie bisher innerlich und äußerlich beunruhigt hat. Tolle ist kein Betrüger sondern ein Symptom.
Er verspricht Frieden und Menschen finden bei ihm einen Frieden, der nichts mehr verlangt. An Tolle werden sich am ehesten Menschen reiben, die noch den Unterschied spüren zwischen Ruhe und Freiheit. Denn Freiheit kommt selten zu den Stillen und Passiven.

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