Allein ohne Verlust. Über ein anderes Verständnis von Zugehörigkeit
- sabinebobert
- 9. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
Die Vogelscheuche des Solo-Menschen
Alleinsein wird von vielen gefürchtet und kulturell meist negativ bewertet. Man wird bedauert für den Mangel an Partnerchen. Dem Solo-Menschen fehle es angeblich an Spiegelung und Resonanz. Die Abweichung von der sozialen Norm muss unbedingt als Verlust gedeutet werden statt als Gewinn. Doch wer den Schritt aktiv gewagt hat, statt durch Betrug oder Verlust als Opfer dorthin geschwemmt worden zu sein, erlebt die Gewinnerseite. Die loser-Deutung für Solisten ist gewollt und entspricht nicht der Selbstwahrnehmung von Alleinsein ohne Verlust. Schauen wir uns daher die Irrtümer kultureller Propaganda näher an.
Zugehörigkeit wird mit Anwesenheit velwechsert (verwechselt)
Wann ist man überhaupt „zugehörig“ zu anderen Menschen? Die körperliche Anwesenheit garantiert weder das Interesse anderer Menschen an einem (abgesehen von Smalltalk zum Taxiertwerden und Interesse zum Abgreifen von Leistungen) noch Mitgefühl (erst recht schwierig bei emotional wenig intelligenten männlichen Exemplaren) noch Teilhabe an gemeinsamen Unternehmungen (schwierig in allen konkurrenten Lebens- und Arbeitsfeldern). Man kann mitten unter Menschen sein und sich dennoch als nicht gemeint erleben, gerade auch wenn man alle oben genannten Leistungen erbringt: Dienste für andere in Familie und Partnerschaft, Mitgefühl für andere, Teilhabe am Arbeitsleben oder im Freizeitsport.
Alleinsein dagegen kann sehr wohl als beziehungsreich und damit erfüllend erlebt werden: als vertiefte Beziehung zu sich selbst, zu Orten und ihren Kräften, zu Menschen und Wesen* (* als Sammelwort für die von der Kultur geleugnete nicht sichtbare Wirklichkeit als eigentlicher Wirklichkeit. Wenn Zugehörigkeit zu den kulturellen Ordnungen die Leugnung der wahren Wirklichkeit inkludiert, ist damit der Hauptverlust bereits benannt: an Sinn, an eigentlicher Beheimatung, an der Erkenntnis und dem Erleben der eigenen Wahrheit als menschliches Wesen. Vor lauter Bemühung um Zugehörigkeit wird dieser Verlust den meisten Zugehörigen frühestens im Tod bewusst werden.)
Der Verlust ist oft eine Zuschreibung
Viele Menschen fühlen sich allein nicht verloren. Im Gegenteil: Sie kommen zur Ruhe, erleben Klarheit und sehen sich unverstellt. Der Verlustgedanke entstammt Propaganda, kultureller Wiederholungs-Hypnose: „Du bist so allein! Du brauchst doch jemanden. Das kann doch nicht alles sein!“ oder tatsächlicher mangelnder Autonomie: einer Unfähigkeit zur Selbstfürsorge von Kochen, Terminverwaltung, Managen von Gefühlen und Selbstwert bis Kontakten. Doch sollte dafür ein Partner zuständig sein, der diese Leistung als Preis dafür zahlt, um mit einem unreifen Menschen zusammen leben zu dürfen?
Der Verlust entsteht durch die wiederholte Verlustbehauptung. Alleinsein als die große Alternative zur kulturellen Dauerbeschallung muss offenbar madig gemacht werden.
Alleinsein als bewohnter Zustand
Alleinsein kann, wenn es schicksalhaft erlitten wurde, leer und zerstörerisch wirken. Es kann jedoch, vor allem frei gewählt, ein bewohnter Zustand sein. Man ist nicht leer sondern gesammelt. Gedanken, Gefühle, Erlebtes, kreativ Chaotisches – alles hat seinen Raum. Zeit darf sich dehnen zum dynamischen Jetzt. Bewegungen verlangsamen sich und schwingen in ihren eigenen Rhythmus zurück bis sie tragend werden.
Das ersetzt keine Beziehung zu Partnerchen. Es ist eine unvergleichbar eigene Form der Beziehung und des Daseins.
Zugehörigkeit ohne Zugriff
Viele Zugehörigkeiten sind zugreifend bis übergriffig in ihren grenzenlosen Erwartungen von Nähe, Austausch, Reaktion. Daher sind sie anstrengend und erfordern ständig wachsame Abgrenzung. Und ohne diese wirken sie chronisch schädigend.
Alleinsein kennt eine wesentlichere Art von Zugehörigkeit: eine ohne Zugriff. Man gehört ohne beansprucht zu werden. Man ist verbunden ohne adressiert zu sein. Diese leisere Form ist schwer sichtbar.
Der Irrtum der Kompensation
Aus der Sicht der partnerzentrierten Menschen als höchstem Glück wird angenommen, dass Alleinsein kompensiert werden müsse, am besten durch viele Kontakte, Aktivitäten und Netzwerke. Doch was, wenn nichts fehlt? Was, wenn Alleinsein kein Übergang ist sondern ein glücklicher Zustand? Die gut gemeinten, auf Resozialisierung strebenden Vorschläge bieten keine Hilfe. Sie stören das Erreichte.
Alleinsein schützt Kontur
In Beziehungen verschwimmen die Konturen. Ja, nicht immer. Aber oft. Ein Partnerchen (meist die Frau weil sie glaubt es sei ihre Natur oder Funktion) oder im Glücksfall beide passen sich an. Man rückt sich näher und verschiebt sich, bis dass manche sogar seelisch ver-rückt werden und in Depression und Ängste abgleiten.
Alleinsein erlaubt es, bei sich zu bleiben ohne sich erklären zu müssen. Diese Kontur ist kein Rückzug. Sie ist Präsenz.
Die Angst der Ordnung vor dem Alleinsein
Ordnungen misstrauen zurecht dem Alleinsein. Wer allein ist, entzieht sich dem Vergleich und der Normierung. Er ist nicht steuerbar und ohne Feedbackschleifen schwer zu lesen. Ein nicht lesbarer Mensch ist schwer einzuordnen. Deshalb wird Alleinsein oft als Problem gerahmt. Problematisch ist der ungeordnete Mensch nicht erst wenn er schadet sondern bereits wenn er sich entzieht.
Alleinsein ohne Abwertung des Anderen
Wer allein ist, muss Beziehungen nicht abwerten. Er hat sie meist erlebt und wahrgenommen was sie bieten und wie der Markt bestückt ist. Er kann kulturelle PR von Realität unterscheiden. Und wählt danach gezielt statt Selbstverlust sich selbst (vor allem Frauen). Wer allein ist sagt nicht: Ich brauche niemanden. Sondern: Ich bin nicht unvollständig. Diese Unterscheidung ist entscheidend.
Zugehörigkeit neu denken
Zugehörigkeit ist weniger die Frage mit wem man ist. Sie ist zentral die Frage, ob man sich selbst nicht verlassen muss um dabei zu sein. Alleinsein ohne Verlust bedeutet im Kern: Ich gehöre mir. Von dort aus kann alles Weitere kommen – oder auch nicht.
Im Klarheit störenden Lärm kultureller PR wird Menschen eingetrichtert: Nähe ist ethisch hochwertig und Alleinsein ist problematisch. Damit werden Ziele vorgegeben. Alleinsein ohne Verlust ist ein stiller Gegenentwurf. Er richtet sich weder gegen Gemeinschaften noch gegen Liebe. Doch er verweigert sich der Annahme dass Zugehörigkeit nur dort gelebt wird, wo man sich teilt. Diese Lebensform inmitten von Beziehungsdruck, ohne Mangel, ohne Drama, ohne Rechtfertigung, bleibt ein starkes Statement: Ich bin und lebe vollständig.

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