Die bewohnbare Lüge
- sabinebobert
- vor 2 Tagen
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Über gesellschaftliche Träume und den Preis, sie zu leben – zu „Tod eines Handlungsreisenden“ von Arthur Miller
Jede Gesellschaft erzählt sich eine Geschichte darüber, warum es sich lohnt, morgens aufzustehen. Diese Geschichte ist selten wahr. Aber sie gilt als bewohnbar. Sie erklärt, warum Mühe Sinn hat, warum Aufschub von eigenen Wünschen belohnt wird und weshalb eine belastende Gegenwart erträglich sei. Man könnte sie Mythos nennen, Leitbild oder Ideologie. Im Alltag erscheint sie schlichter: als Versprechen.
Arbeite, dann wirst du jemand. Liebe, dann wirst du gesehen. Passe dich an, dann wirst du getragen. Menschen glauben solche Thesen nicht, weil sie naiv sind. Sondern weil sie schön zum Leben klingen.
Die Funktion der großen Erzählung
Gesellschaftliche Träume sind keine Täuschungen im gewöhnlichen Sinne. Sie sind Stabilisierungstechniken. Sie verhindern, dass jeder Einzelne täglich neu herausfinden muss warum er lebt. Die Zukunft übernimmt diese Aufgabe. Man darf heute voll Schmerz sein, weil morgen Bedeutung wartet. So verschiebt sich vieles. Nicht die Erfahrung bestätigt den Lebenswert des Lebens sondern die Erwartung. Das Versprechen ersetzt die Wirklichkeit.
Die stille Vertragsklausel
Doch jeder Traum enthält eine Klausel, die selten ausgesprochen wird: Du darfst existieren, solange du zur Story passt. Der Angestrengte darf bleiben, der Strebende, der wartend Leidende. Wer aus der Rolle fällt, verliert nicht nur den Status. Er verliert seinen Ort im ganzen Drama.
Darum trifft ein Scheitern tiefer als ein Verlust von Statuspunkten. Man verliert nicht nur Besitz sondern die eigene Wirklichkeit. Wer aus der Story fällt, verliert den Raum, in dem er bisher sich und Welt verstanden hat.
Eigene Identität als ausgelagerter Besitz
Solange der Traum noch motiviert, merkt man nicht, dass man in einer Blase lebt. Er wirkt wie Natur. Identität wurzelt nicht in eigener Erfahrung sondern in Rückmeldungen. Man spürt sich weil andere einen brauchen. Man existiert weil Leistung bestätigt wird. So wächst eine fragile Sicherheit: Das Selbst ist so lange stabil wie es im außen gelagerten Zustand bestätigt wird. Man muss nicht sich finden. Man muss nur entsprechen.
Der Preis der Übereinstimmung
Doch Systeme altern schneller als Menschen. Märkte ändern sich, Rollen verschwinden, soziale Normen und Erwartungen verschieben sich. Und plötzlich passt ein Leben, das jahrzehntelang richtig war, nicht mehr in die Feedbackschleifen und nicht mehr in seine eigene Begründung.
Hier zeigt sich der Preis der ausgelagerten Identität: Sie kann nicht altern. Wer sich aus einer Funktion zusammensetzt, hat kein Rest-Selbst, in das er zurückkehren kann. Er fällt nicht. Er löst sich auf. Nicht weil er nichts ist, sondern weil das Maß fehlt, an dem er noch etwas sein könnte.
Die Härte der freundlichen Welt
Das Erschreckende daran ist die Abwesenheit von Grausamkeit. Niemand muss absichtlich lügen. Das System muss nur weiterlaufen. Gerade die freundliche, vernünftige Ordnung erzeugt die größte Kälte. Sie kennt keinen Ort für Überzählige. Frühere Kulturen hatten Randzonen wie Klöster, Wälder und Armut mit Würde. Die moderne Ordnung kennt nur: Integration oder Verschwinden. Darum wird das Scheitern existenzbedrohlich. Es gibt kein Außen mehr in dem man bleiben könnte.
Warum Menschen an den Traum glauben wollen
Man könnte fragen: Warum halten Menschen an Geschichten fest die sie zerstören werden? Weil sie zunächst trägt. Eine Systemlüge ist nicht gefährlich weil sie falsch ist sondern weil sie über Jahre funktioniert. Sie ordnet Lebenszeit, spendet Hoffnung und verhindert Chaos. Sie sortiert Bindung. Menschen sind dankbar für sie. Erst sehr spät fühlen sie, dass das was sie getragen hat, sie nicht überleben lässt.
Der Moment der Unbewohnbarkeit
Die eigentliche Katastrophe beginnt nicht mit dem Ausbleiben von Erfolg. Sie setzt ein mit dem Verlust der Deutung. Wenn Anstrengung und Schmerz nicht mehr auf Zukunft verweisen, wird das Durchlittene unverständlich. Dann ist nicht nur das Ergebnis falsch – das ganze Leben verliert die Grammatik. Hier wird der Traum unerträglich. Er kann nicht einfach aufgegeben werden, weil er die einzige Sprache war, in der das eigene Dasein lesbar wurde. Der Mensch verteidigt die Lüge, weil sie seine Biographie zusammenhält.
Jenseits der großen Erzählungen
Die Alternative ist nicht Wahrheit im heroischen Sinn. Es reicht ein viel kleinerer Zustand: ein Leben ohne Begründungspflicht. Es ist weder gerechtfertigt durch ein Ziel noch gesichert durch Resonanz. Es kann Rollen mitspielen, bedarf ihrer jedoch nicht zum Stabilisieren. Das eigene Dasein muss für andere nicht plausibel sein um zu gelten. Die Zukunft verliert dann ihre Last, Bedeutung zu liefern. Gegenwart genügt.
Der verborgene Luxus
Vielleicht liegt darin der eigentliche Luxus: nicht mehr von vagen Versprechen getragen sein zu müssen. Das Selbst lebt nicht mehr von Geschichten sondern von Anwesenheit. Dann endet der Krieg gegen das Überflüssigwerden. Denn Überflüssigsein wird unmöglich wenn Existieren keinen Zweck erfüllen muss.
Der Preis dafür scheint hoch: Man verliert den großen Traum, der fast alle Anderen motiviert. Der Gewinn wirkt unscheinbar: Man verliert nicht mehr sich selbst, wenn der Traum endet.

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