Die Fülle, die bindet. C. G. Jung und Evagrius Ponticus (+399)
- sabinebobert
- 22. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 25. Dez. 2025
C. G. Jung aus der Sicht von Evagrius (+399)
Es gibt Autoren, die man nicht einfach lies. Man lebt mit ihnen. C. G. Jung ist einer von ihnen. Viele tragen ihn jahrelang mit sich herum: seine Bilder, Archetypen, Mythen und religiösen Bezüge. Man liest ihn nicht zu Ende. Man verweilt bei ihm. Dies mag bereits ein Hinweis sein.
Jungs Anziehungskraft
Jung wirkt auf Menschen, die sich von kahler Rationalität befreien wollen. Er erschließt Räume - für Symbole, Religion, Mythen und eine unauslotbare Tiefe des Unbewussten mit dessen Schichten und Gestalten.
Jung rehabilitiert das Seelische wo andere es pathologisieren. Er vermittelt eine große Botschaft, implizit wie explizit: Die Psyche ist größer als das Ich. Dies befreit aus rationaler Enge.
Die religiöse Aura
Jung spricht von Archetypen, dem Selbst, dem Numinosen, der Individuation und von Gott als psychischer Realität. Das klingt spirituell und das ist es auch - jedoch auf einer sehr bestimmte Art. Jung ersetzt nicht Religion. Er übersetzt sie in psychische Kategorien. Gott wird zur inneren Gestalt. Erlösung zum Integrationsprozess. Transzendenz zur Tiefenstruktur der Psyche. Das fasziniert und ist zugleich problematisch.
Evagrius: Ein ganz anderer Ort
Evagrius Ponticus interessiert nichts davon. Keine Bilder. Keine Mythen. Keine Archetypen. Keine Deutung des Inneren. Er fragt nicht: Was zeigt sich in mir? sondern stattdessen zentral:
Evagrius Ponticus interessiert nichts davon. Keine Bilder. Keine Mythen. Keine Archetypen. Keine Deutung des Inneren. Er fragt nicht: Was zeigt sich in mir? sondern stattdessen zentral: Was bindet meinen Geist? Damit vollzieht er einen radikalen Perspektivwechsel.
Bilder als Bindung
Aus Evagrius´ Sicht sind Bilder nicht neutral, auch schöne Bilder nicht. Dies gilt ebenso für religiöse. Denn sie binden Aufmerksamkeit. Sie erzeugen Bewegung. Sie halten den Geist beschäftigt.
Jung lädt dazu ein, die innere Bilderwelt ernst zu nehmen, sie zu deuten und mit ihr in Beziehung zu treten.
Evagrius würde sagen: Genau hier beginnt Unfreiheit. Nicht weil Bilder falsch wären sondern weil sie bleiben.
Individuation vs. Entbindung
Jungs zentrales Versprechen ist die Individuation. Werde der, der du bist. Das klingt nah an spirituellen Wegen. Jedoch der Akzent entscheidet. Denn Individuation bedeutet: Integration, Ausdifferenzierung, Bewusstwerdung, Selbstwerdung.
Evagrius hingegen strebt nicht nach Selbstwerdung sondern nach Selbstvergessenheit im Sinne des kulturell erzeugten Selbstes. Für ihn ist es Ballast auf dem Weg. Er predigt nicht: Werde ganz! sondern: Befreie dich von dem was dich zurückhält.
Das Selbst als letzte Gestalt
Bei Jung wird das Selbst zur zentralen Instanz. Es ist wie ein innerer Ganzheitskern und wird mit göttlichen Attributen versehen. Für Evagrius wäre ein Selbst eine letzte Verfestigung. Ein Selbst ist weder böse noch falsch. Jedoch bindet es und lenkt vom Eigentlichen ab.
Evagrius würde sagen: Auch das Selbst kann ein logismos sein, eine Vorstellung. Wenngleich eine subtilere.
Warum Jung so lange beschäftigt
Viele Menschen kommen mit Jung nie an ein Ende weil sein Denken bildreich und offen bleibt, weil die vielen Konzepte nicht aufgelöst werden, weil Jung immer neue Bilder erzeugt. Wer mit Jung auf spirituelle Suche geht, findet stets ein weiteres Symbol, eine neue, noch tiefere Deutung und weitere Hinweise auf fremde Kulturen. Dies kann bereichern, jedoch auch irgendwann belastend sein und verhindern, dass der Geist zur Ruhe kommt.
Evagrius würde sagen: Jung verfeinert die Bewegungen des Geistes, löst sie jedoch nicht beruhigend auf.
Keine Abwertung sondern Einordnung
Dies ist keine Abrechnung mit Jung. Er hilft Menschen weiter, die den Zugang zur Innenwelt verloren haben, die ihre eigenen Bildwelten fürchten und denen religiöse Sprachräume verschlossen sind.
Jedoch mit Evagrius gesehen, verharrt Jung auf der Schwelle. Er kreist im Inneren. Er wandelt im Deuten. Er schaut auf das Werden. Evagrius geht dort hindurch. Jung verleiht dem Inneren Tiefe. Evagrius zeigt wie es zur Ruhe kommt. C. G. Jung ist ein Denker der Fülle. Evagrius geht es um Entlastung.
Die einen finden sich endlich in Bildern. Die anderen wollen sich nicht mehr darin verlieren. Beides hat seine Zeit. Wer Freiheit sucht, sollte darauf achten, wann der Prozess des Verstehens zur Bindung wird.

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