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Zwischen Du und Stille. Buber und Evagrius

Aktualisiert: 24. Dez. 2025

Buber, Evagrius und das Missverständnis von Identität


(Text aus meinem Buchprojekt über Identität als das Recht auf einen "inneren Raum")


Es gibt Gedanken, die trösten. Und es gibt Gedanken, die entlasten. Beides ist nicht dasselbe.


Der Satz von Martin Buber "Der Mensch wird am Du zum Ich" gehört zu den großen tröstenden Sätzen des 20. Jahrhunderts. Er spricht gegen Kälte, gegen Vereinzelung und gegen ein Ich, das sich selbst genügt. Doch beginnt genau hier, leise, ein Missverständnis.



Die Wärme der Beziehung


Bubers Denken ist zutiefst menschlich. Es nimmt ernst, dass Menschen Antworten benötigen. Dass sie gesehen werden müssen, um sich zu spüren. Beziehung reguliert. Sie beruhigt. Sie macht existent. Darin liegt ihre Wahrheit.



Die unruhige Seite der Spiegelung


Doch Beziehung ist nie neutral. Sie strukturiert. Sie erwartet. Sie wiederholt. Wo Identität aus Beziehung heraus entsteht, bleibt sie an Beziehung gebunden. Das Du wird dann nicht mehr Begegnung sondern Bedingung. Nicht aus einem Mangel an Nähe heraus, sondern aufgrund einer Überbedeutung.



Evagrius und die andere Frage


Der gebildete Wüstenvater Evagrius Ponticus (+ 399), ein Schüler des Origenes, interessiert sich weder für Beziehung noch für Dialog oder Gesellschaft. Obwohl er wert auf Austausch Der gebildete Wüstenvater Evagrius Ponticus (+399), ein Schüler des Origenes, interessiert sich nicht für Beziehung, nicht für Dialog und auch nicht für Gesellschaft. Obwohl er Austausch rege pflegte und gehobene Gesellschaft schätzte.


Evagrius stellt eine andere und unbequeme Frage: Was geschieht im Menschen, wenn alle Spiegel entschwinden? Er beobachtet nüchtern: Beziehung ist nicht Ursprung, sondern ein Nebeneffekt innerer Unruhe. Gedanken, Bilder, Affekte und Selbstbilder - sie alle halten den Geist bewegt. Ihre Bewegung erzeugt das Gefühl eines Ich.



Zen: Das vertraute Schweigen


Hier wird Zen verständlich. Nicht als Exot, sondern in Verwandschaft mit Evagrius, der der damaligen Kirche zu unbequem war und mit seinem Schülerkreis gewaltsam vergessen gemacht wurde.


Zen fragt nicht: Wer bin ich? Es fragt: Was ist da, wenn nichts benannt wird? Weder Du noch Ich, und ohne Spiegel. Wer bin ich, wenn ich sitze, atme und nichts festhalte?


Zen irritiert, weil es nichts anbietet, worin man sich einrichten könnte. Genau darin liegt seine Nähe zu Evagrius.



Zwei Wege - Zwei Risiken


Buber heilt Beziehungsarmut. Evagrius heilt von der Überbedeutung von Beziehungen, von Überbesetzung. Das Risiko bei Buber: Identität wird sozial stabilisiert und damit verfestigt.


Das Risiko bei Evagrius und Zen: dass beide als Rückzug, Weltflucht und beziehungsfeindlich missverstanden werden.


Beides greift zu kurz.



Ein leiser dritter Ort


Vielleicht liegt Identität weder im Ich noch im Du. Vielleicht entsteht sie dort, wo der innere Raum nicht zugänglich ist.


Vielleicht liegt Identität weder im Ich noch im Du. Vielleicht entsteht sie dort, wo der innere Raum nicht zugänglich ist.


Und vielleicht wird sie überflüssig, wo Wahrnehmung frei wird.


Beziehung kann dann wieder Begegnung sein, befreit vom Anspruch auf Spiegeln und Stützen. Die dazu erforderliche Stille ist nicht Rückzug, sondern ein Raum, in welchem nichts mehr verteidigt werden muss.



Ausblick


Buzber tröstet. Evagrius entlastet. Zen lässt in Ruhe.


Vielleicht braucht unsere Zeit weniger Identität und mehr Raum für Unbesetztheit. Nicht weitere Ideale, sondern Erleichterung.



 
 
 

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