Schweigen als Gewalt (im Unterschied zum Verstummen)
- sabinebobert
- 29. Dez. 2025
- 1 Min. Lesezeit
Nicht jedes Schweigen ist würdevoll, nicht jedes Verstummen ist Schutz. Es gibt ein Schweigen, das nicht bewahrt, schützt oder entlastet. Stattdessen löscht es, isoliert und zermürbt. Dieses Schweigen ist eine Gestalt von Gewalt. Sie schlägt nicht zu und zwingt nicht. Sie lebt vom Entziehen der Resonanz.
Du existierst nur, wenn ich dich adressiere
Sie schließt den Anderen in einen Raum ein, in dem nichts zurückkommt, in einen Raum ohne Antwort und ohne Orientierung. Besonders zerstörerisch ist gewaltsames Schweigen in ungleichen Beziehungen wie zwischen Eltern und Kindern, Autoritäten und Abhängigen oder auch zwischen Institutionen und Einzelnen. Hier gewährt Schweigen weder Schutz noch Freiraum sondern drückt Macht aus: ´Du bist mir keine Antwort wert.` Oder gesteigert: ´Du existierst nur, wenn ich dich adressieren will.´
Kontrolle, Unsicherheit, Selbstzweifel
In solchen Machträumen des Schweigens dient es der Kontrolle. Es hält in der Schwebe und erzeugt Unsicherheit oder auch Selbstzweifel. Es begegnet auch nach Grenzsetzungen oder Verletztsein. Es wirkt nicht ruhig sondern angespannt und geladen.
Es schließt keinen Raum auf, in dem sich etwas ordnen kann. Wegen seiner Ladung erzwingt es Aufmerksamkeit und nötigt zur Interpretation. Dies frisst Energie.
Ein Verstummen hingegen entsteht aus Überfordertsein oder Würde heraus. Es zieht sich zurück ohne den anderen festzuhalten. Gewaltsames Schweigen bindet, indem es nichts sagt.
Pointiert: Schweigen wird dort gewaltsam, wo es keine Antwort zulässt aber ständig erwartet. Der Angeschwiegene soll sich erklären und offenbaren, während der Schweiger Antworten verweigert. Dies ist ein dialogischer Angriff, ein Akt von Herrschaft.
Statt der erpressten Antwort und Offenlegung reicht ein minimaler, klarer Satz, um die Beziehung aus der Schwebe zurückzuholen. Und sei es nur um der eigenen Würde willen.

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