Warum Freiheit nicht heilt
- sabinebobert
- 23. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Warum Freiheit nicht heilt
Freiheit gilt als Heilmittel: politisch, psychologisch und auch spirituell. Man soll Menschen nur befreien und sie werden dann gesund und ganz und sie selbst. Diese Vorstellung klingt allerdings zu schön um wahr zu sein. Denn schaut man genau hin, wird klar: Freiheit heilt nicht. Aber sie entbindet. Sie nimmt Fesseln – aber sie gibt keinen Halt. Sie öffnet Räume, aber sie richtet diese nicht ein.
Freiheit desorientiert
Darum ist Freiheit für viele Menschen nicht entlastend sondern überfordernd. Wer lange in betonierten Bedeutungsräumen „gelebt“ hat – sei es in Ideologien, Systemen oder Familienarchitekturen -, der erlebt Freiheit nicht als weitend sondern als desorientierend. Denn selbst eine fesselnde Bindung, so graumsam sie sein kann, ordnet das Innere. Sie gibt vor, was gilt, was man darf oder nicht und was erwartet wird.
Freiheit verspricht nichts davon. Darum ersetzen Menschen ihre Freiheit schnell: durch neue Ziele, neue Identitäten, neue Narrative, neue Gemeinschaftsformen. Der Befreite sucht schnell wieder etwas, an das er sich binden kann. Freiheit wird zum Transitraum. Sie erscheint schwer als bewohnbar.
Freiheit lindert keinen Schmerz
Denn sie lindert weder Schmerz noch stiftet sie Identität oder Sinn. Heilung setzt anderes voraus: Räume ohne Zugriff, Zeit ohne Forderungen, Zustände ohne Aufgaben. Freiheit hingegen ruft nach Entscheidungen, Verwantwortung und Selbstgestaltung.
Für Menschen, deren Innenraum lange besetzt war, wirkt Freiheit daher gefährlich destabilisierend. Dies nicht, weil Freiheit falsch ist, sondern weil sie unerträglich zuviel ist.
In der Geschichte vieler Umbrüche, politischer wie persönlicher, zeigt sich dieses Muster: Auf Befreiung folgt nicht automatisch Friede, sondern oft Leere, Angst und neue Bindungssuche. Darum bleibt es wichtig, Freiheit nicht zu idealisieren sondern genau zu sehen. Sie ist kein Ziel in sich selbst sondern eine Vorbedingung. Sie ist kein Heilmittel sondern birgt Risiken.
Freiheit als Schutzraum
Vielleicht liegt die eigentliche Kunst nicht darin, frei zu werden sondern Freiheit nicht sofort wieder zu besetzen. Es gilt, sie einen Moment lang oder länger auszuhalten, ohne sie zu füllen, zu deuten und ohne etwas auch ihr machen zu müssen. Dies nicht, um geheilt zu werden sondern um nicht erneut vereinnahmt zu werden.
Freiheit heilt nicht. Doch sie vermag, neue Schäden durch reflexhaftes Sich-Binden abzuwenden. Dies mag schon genügen.

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